Text | Speech | Berliner Festspiele 2026

Speech by Matthias Pees at the Opening of the Anniversary Weekend

Stage with standing person, audience in the background, many ceiling lamps.
Matthias Pees gives a speech to mark the opening of the anniversary weekend
© Berliner Festspiele, photo: Camille Blake

To mark the 75th anniversary of the Berliner Festspiele, Artistic Director Matthias Pees welcomed guests to the Haus der Berliner Festspiele to open the anniversary weekend.

Available from 27 August 2026

Reading time ca. 13 min

Festspiele Stories

Exzellenzen, liebe Angehörige der diplomatischen Vertretungen in Berlin, lieber Konrad Schmidt-Werthern, Leitender Beamter des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, liebe Jubiläumsgäste und liebe Kolleg*innen,

herzlich willkommen im und hinter dem Haus der Berliner Festspiele, herzlich willkommen zu 75 Jahre Berliner Festspiele.

75 Jahre Freiheit versuchen haben wir als Überschrift und Motto für unseren Geburtstag gewählt, und in Versalien noch „KOMM INS OFFENE“ darübergeschrieben, nach Hölderlin: „Komm! Ins Offene, Freund!“ Freund*in heute.

Die Freiheit, das ist eine arg strapazierte Kategorie, oft vereinnahmt und entsprechend misshandelt, historisch wie gegenwärtig, immerwährend vielleicht.

Das mag in bestimmtem Sinne oder ein wenig wohl auch für die Geschichte der Berliner Festspiele gelten, insbesondere für ihre ersten Jahre ab 1951, nachdem wir gegründet wurden auf Betreiben der Amerikaner mitten im Kalten Krieg – als „Schaufenster des Westens“ und Bollwerk der sogenannten Freien Welt gegen sozialistische und stalinistische Ideologie. Denn auch der westliche Freiheitsbegriff war ja mitnichten ideologiefrei, und das Banner der neuen Freiheit führten bei uns wie vielerorts in Deutschland zu Beginn nicht selten alte Nazis an, oder zumindest Amts-, Würden- und Kulturträger mit zweifelhaften beruflichen Kontinuitäten.

Die Freiheit ist aber auch für jeden Einzelnen, für das Individuum, eine zwiespältige Angelegenheit. Wir streben nach ihr, und wir fürchten sie. Beides zugleich. Sie macht uns Hoffnung und sie macht uns Angst. Denn das Offene, Freund – the great wide open, um von Friedrich Hölderlin zu Tom Petty und von der Hoch- in die Popkultur zu springen –, das „Komm ins Offene“ lädt uns nicht nur ein zum Aus- und Aufbruch aus dem Begrenzten und Eingeschränkten, aus realer wie geistiger Gefangenschaft und Knechtschaft, sondern es führt uns auch ins Unbekannte, Unerwartete, in das Unberechenbare und Unbegreifbare. Das ist ein großes Wagnis.

Und eine ebensolche Herausforderung ist es, dass mit der individuellen Freiheit in Gemeinschaft, in Gesellschaft auch die Verantwortung wächst, oder wachsen sollte, unser ethisches und moralisches Bewusstsein, nicht zuletzt für die Freiheit der anderen – das ist im besten Fall unsere Bürde als freie, gleiche, geschwisterliche Menschen. Als Freund*innen.

Die Berliner Festspiele haben sich in den bewegten 75 Jahren ihrer bisherigen Geschichte zu einer Kulturinstitution entwickelt, die diese Herausforderungen der Freiheit, ihre Verheißung wie ihre Last, ihr Mutmachen wie ihr Angsteinflößen, in immer größeren Kreisen, immer weiteren Bewegungen, mit immer stärker ausladenden und zugleich immer eindringlicher einladenden Gesten abgebildet, reflektiert und transzendiert hat. Als Katalysator und Transformator, und manchmal, ja immer wieder war es: einfach magic.

Wie und warum? Durch die Kunst, mit der Kunst, in der Kunst. Dank der Künstler*innen, die diese Kunst gemacht haben, sie erdacht, erspürt, erarbeitet, kreiert, geschöpft haben, sie improvisiert, realisiert, aufgeführt, ausgestellt, publiziert haben, sie geteilt haben mit uns, uns an ihr haben teilhaben lassen, sie uns sichtbar, hörbar, fühlbar, erlebbar gemacht haben.

Freiheit versuchen, das ist es, wovon ich spreche, wenn ich von Kunst spreche. Die Möglichkeit von Transzendenz und das Aushalten des Nichts zugleich zu erproben. Im Labor eines Miteinanders, in dem auch Politik und Gesellschaft, Ökonomie und Ökologie, Widerspruch und Gegensätzlichkeit zu einem Großen und Ganzen und potenziell Gemeinsamen werden, zu einer Freiheit aller in allem, deren Last einer dem anderen trägt, oder zu einem Götterfunken, wie es Leonard Bernstein im Dezember 1989 in West- und Ost-Berlin in leichter Abwandlung von Schiller und Beethoven singen ließ: Freiheit, schöner Götterfunken.

Eine der Künstlerinnen aus der Festspielgeschichte, erst aus der jüngsten Festspielgeschichte muss man leider sagen, die diese ganzheitliche Freiheit ihr ganzes bisheriges Leben lang versucht und gewagt und geschaffen hat, mit Körper, Geist und Seele, mit sich und in Gemeinschaft; die für die Freiheit ins Gefängnis gegangen ist und die im Gefängnis die Freiheit erlangt hat, zur Kunst gekommen und zur Künstlerin erst wirklich geworden ist, ist heute Nachmittag hier, und ich bitte Sie, sie herzlich mit mir zu begrüßen: Gabriele Stötzer.

Jenny Schlenzka hat im Gropius Bau die bisher größte Werkschau von Gabriele Stötzer programmiert, Julia Grosse hat sie gemeinsam mit Christopher Wierling kuratiert: Dabei sein und nicht schweigen. Es ist zugleich die erste Einzelausstellung einer Künstlerin oder eines Künstlers aus der DDR im Gropius Bau, und sie gibt auch einen großartigen Einblick in die sogenannte Untergrundkunst in der DDR, im Erfurt der 1970er- und 1980er-Jahre, in eine feministische Untergrundkunst, in den Untergrund des Untergrunds sozusagen, denn der Mainstream des DDR-Untergrunds war patriarchal.

Zum 75. Jubiläum der Berliner Festspiele hat Gabriele Stötzer uns noch dazu über 30 Bilder gemalt, einige davon haben wir hier – dort drüben – für heute ausgestellt, und eines davon haben wir gemeinsam zu unserem Jubiläumsplakat gekürt, Sie sehen es in groß draußen an unserer Rückfassade, das Original hängt zurzeit bei uns im Foyer. Es heißt Brückenbegegnung und bringt nicht nur in diesem Titel unsere Mission, unsere Geschichte, ja unsere DNA als internationale Berliner Bundeskulturinstitution auf den Punkt.

Und noch ein Geschenk macht uns Gabriele Stötzer zu unserem Geburtstag: Mit ihrer Gruppe Exterra XX, ehemals Künstlerinnengruppe Erfurt, mit der sie 1989 die Erfurter Stasizentrale im Rahmen einer Kunstperformance besetzte, tritt sie am Samstag um 21 Uhr auf dem Dach des Gropius Bau auf und gibt ein Konzert. Verpassen Sie es nicht, Sie können es während der Langen Nacht der Museen von der Niederkirchner Straße live und auf einer großen Leinwand verfolgen.

Ich freue mich, dass auch Marina Abramović heute im Gropius Bau war und wir ihre Ausstellung und ihre Theaterperformance Balkan Erotic Epic, die sie beide kurz vor ihrem 80. Geburtstag erarbeitet hat, im Festspieljubiläumsjahr präsentieren können. Sie muss sich heute Abend zwar entschuldigen lassen, lässt Sie aber alle herzlich grüßen und freut sich auf Ihren Besuch – noch bis Sonntag im Gropius Bau oder ab 13. Oktober hier im Festspielhaus.

Bitte begrüßen Sie auch den Künstler Akira Takayama, der uns zum Jubiläum ab morgen für die kommenden vier Wochenenden auf die Berliner Ringbahn schickt und uns unter dem Titel What If Berlin an allen 27 Stationen der Ringbahn vergessene künstlerische Pläne und Projekte aus der Vergangenheit, zum Teil sogar aus unseren eigenen Archiven, für die Zukunft neu aufbereitet, sie zu neuen Vorschlägen transformiert. Was wäre, wenn die Zukunft Berlins schon 75 Jahre alt wäre? Auf unserer Website können Sie die verschiedenen Touren, die Akira Takayama anbietet, ebenso studieren wie die einzelnen unverwirklichten oder vergessenen Projekte, und auch die Tourguides kennenlernen, die Sie auf eine der insgesamt sechs Touren mitnehmen! Book your Tour!

Ich freue mich auch, dass Saba-Nur Cheema und Meron Mendel hier sind, die gleich Reflexe & Reflexionen eröffnen – unsere Thementage zur „Großen Unordnung“, in der sich die Welt befindet und in die sie immer tiefer abzugleiten droht –, gemeinsam mit den Keynote-Speaker*innen Adam Tooze und Nesrine Malik sowie dem Moderator Mark Schieritz – herzlich willkommen. Wenn Sie noch keine Karten für heute Abend haben, bekommen Sie diese ab 18:30 Uhr im Foyer. Morgen Abend in der Philharmonie wird Meron Mendel auch bei der Eröffnung des Musikfest Berlin die Festrede zum Festspielgeburtstag halten, herzlichen Dank dafür, wir sind schon sehr gespannt darauf!

Ich möchte allen Mitarbeitenden der Berliner Festspiele mit dem Gropius Bau und der Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH, den ehemaligen wie den aktuellen, für ihren Einsatz und ihr Engagement, ihre Ideen und deren Umsetzung herzlich danken! Die Berliner Festspiele, das seid Ihr!

Ich danke meinen Kolleg*innen in der Geschäftsführung, der Kaufmännischen Geschäftsführerin Charlotte Sieben, der Intendantin der Berlinale Tricia Tuttle und dem Intendanten des HKW, des Haus der Kulturen der Welt, Bonaventure Ndikung für die hervorragende Zusammenarbeit, ebenso der Direktion des Festspielhauses mit Claudia Nola, Christine Leyerle, Matthias Schäfer und Leonard Pelz sowie der Direktion des Gropius Bau unter Jenny Schlenzka, ich danke den Kolleg*innen in unseren Festivals und Programmbereichen, in unseren kuratorischen und technischen Abteilungen, in unseren Kommunikations- und Produktionsabteilungen, in unserem Ausstellungsmanagement, in unseren Intendanz- und Direktionsbüros, in unseren zentralen Verwaltungsabteilungen, an unseren Pforten, in unseren Kantinen und Restaurants und in unseren Vorder- und Hinterhäusern.

Und ich danke hier und heute insbesondere den Kolleg*innen, die dieses Jubiläum und seine vielen besonderen oder kulminierenden Projekte ermöglicht oder daran mitgewirkt haben, einige muss ich namentlich erwähnen, stellvertretend für so viele andere: Claudia Peters, Moritz Frischkorn, Maria Kusche, Nancy Henze, Lisa Homburger, Franziska Berlitz, Johann Arendt, Sophie Beck, Barbara Ehnes, Yasaman Nedjati und Mohammad Al Attar für alles, was ihr im Rahmen von What If Berlin möglich gemacht habt; stellvertretend für alle, die diesen Empfang heute organisiert und eingerichtet haben: Tobias Oettel, Etienne Arnaud, Gitti Scherer, Nafi Mirzaii, Marie Knoop und Katharina Gebhard; für das Team vom Musikfest, das morgen in der Berliner Philharmonie eröffnet: Winrich Hopp, Anke Buckentin, Ivana-Elena Wirtz, Lina Bischoffberger und Katharina Diestel;  für das Team, dass Gabriele Stötzers Performance auf dem Dach des Gropius Bau ermöglicht: Julia Grosse, Nora Swantje-Almes, Matthias Schäfer und nochmal Claudia Peters und Maria Kusche; für den Focus Japan und unseren Japanese Brunch am Sonntagvormittag: Yusuke Hashimoto. Für die musikalische Begleitung dieses Abends danke ich den Musiker*innen vom JIB – Jazz Institut Berlin: Simeon Olschewski, Marc Allahwerdi, Emil Vincent Heck und Tobias Johannes Neuner.

Und ich danke nicht nur allen Förderern, Partnern, Wegbegleitern und natürlich dem Publikum der Berliner Festspiele mit Gropius Bau, sondern vor allem dem Beauftragen der Bundesregierung für Kultur und Medien, und den Beauftragten, allen bisherigen Beauftragten und Staatsminister*innen in diesem Amt für die tatkräftige Unterstützung und Begleitung unserer Arbeit, ebenso wie ihren BKM-Amtsleitern und -Mitarbeitenden, insbesondere unserem Referat für Hauptstadtkultur KM17 unter der Leitung von Peter Müller und vormals unter der Leitung von Ingo Mix. Ihr seid unsere Träger, und wir fühlen uns von Euch hervorragend getragen. Danke auch Dir, Konrad, Konrad Schmidt-Werthern, als aktuellem Amtsleiter des BKM, vor allem auch für die Geburtstagsansprache, die Du gleich an uns richten wirst.

Dir übergebe ich, noch bevor wir auf die letzten und die nächsten 75 Jahre anstoßen und gemeinsam die großen Brote brechen und reißen und tunken werden – die uns im Übrigen von Gragger gesponsert wurden, wofür ich ebenfalls herzlich danke –, hiermit das Wort.