Text | Conversation | Musikfest Berlin 2026
„Das ist so genial wie Beethoven“
Jordi Savall im Gespräch

Jordi Savall, wellige weiße Haare, kurzer weißer Vollbart, schwarzer Pullover, sitzt vor den Büchern in seinem Domizil in den Bergen nördlich von Barcelona, ein Raum mit einer Balkendecke. Durch die Fenster scheint die Februarsonne auf Savalls freundliches Gesicht, eher das eines 70-Jährigen als eines 84-Jährigen. Gerade erst hat er nach Mendelssohn Bartholdys Italienischer Sinfonie auch die Schottische mit Le Concert des Nations aufgenommen, er ist mitten drin im Thema und könnte darüber auf Spanisch, Portugiesisch, Französisch, Englisch reden. Mit Volker Hagedorn spricht er Deutsch, bedächtig. Wenn ihm, was selten ist, ein Wort fehlt, entnimmt er es einer der anderen Sprachen.
Volker Hagedorn: Fangen wir an mit dem berühmtesten Stück aus Ihrem Programm für Berlin. Sie haben die Italienische Sinfonie vor drei Jahren in zwei Fassungen aufgenommen: die gängige von 1833 und Mendelssohns Neufassung von 1834. In welche Richtung gehen die Änderungen, die er vornahm?
Jordi Savall: Es sind Änderungen im 2., 3. und 4. Satz, und eigentlich geht es um eine Synthese. Mendelssohn nimmt alles weg, was unnötig ist, und macht es poetischer, besonders im langsamen Satz. Es gibt Momente wie in einem Bach-Choral. Da ist so eine tiefe Emotion, mit einem Ostinato im Bass, das ganz leicht daherkommt.
Volker Hagedorn: Das erste Thema im Andante ist einfacher geworden, ohne den Achtelbogen im dritten Takt.
Jordi Savall: Das ist alles so wunderbar schön! Er geht an die Essenz der Musik, auch in den anderen Sätzen. Weniger pum, pum, pum, weniger pompös. Ich kannte diese letzte Fassung lange nicht und war überrascht. Sie zeigt Mendelssohns Suche nach dem, was wirklich essentiell ist. Ich dachte, ich muss das aufnehmen! Es ist so interessant, beide Fassungen zu vergleichen. Ich glaube, man kann Mendelssohn dann besser verstehen. Er suchte nach der Idealfassung.
Volker Hagedorn: Dabei war doch die erste Fassung, die alle kennen, so ein Erfolg!
Jordi Savall: Sogar seine Schwester sagte, „Felix, das ist verrückt, was du machst! Alle Leute lieben das!“ Trotzdem hat er es korrigiert, aber wegen des schnellen großen Erfolgs wurde die erste Fassung von 1833 gedruckt, und das neue Autograf von 1834 ist unbekannt geblieben.
Volker Hagedorn: Es klingt für mich, als würde Ihnen die späte Fassung besser gefallen.
Jordi Savall: Absolut! Ich finde sie perfekt. Und wenn er sich die Mühe gegeben hat, warum sollte man das nicht respektieren als Interpret? Wir spielen in Berlin natürlich die zweite Fassung. Die andere hat man schon tausendmal gehört.

Volker Hagedorn: Sie haben über die Italienische Sinfonie geschrieben, dass diese Musik Sie an die Kunst von William Turner erinnert.
Jordi Savall: Ja, Turners Malerei und die Musik von Mendelssohn geben uns eine sehr ähnliche Vision von der Natur. Eine Natur, die voller Farben ist, voller Atmosphäre. Das finden wir auch in der Schottischen Sinfonie, in der noch eine Mischung aus melancholischer Stimmung und volkstümlichen Tänzen dazukommt.
Volker Hagedorn: Wie schafft es Mendelssohn, diese Naturhaftigkeit herzustellen?
Jordi Savall: Mit der Instrumentation, in der die Bläser eine Hauptrolle spielen. Zum Beispiel im letzten Satz der Schottischen Sinfonie [Savall deutet das Thema des Allegro maestoso an] entsteht eine unglaubliche Malerei, wie, ich improvisiere, die Darstellung einer Felswand an der schottischen Küste, dadurch, wie er Klarinetten, Flöten, Hörner benutzt. Diese Instrumente tragen zum besonderen Charakter bei.
Volker Hagedorn: Kann man diese Sinfonien auch als Reisegeschichten hören? Sie gehen ja, wie die Hebriden-Ouvertüre, auf seine Reisen mit Anfang 20 zurück.
Jordi Savall: Mendelssohn sagte einmal, mein Beruf ist der eines Reisenden. Ich habe seine Briefe gelesen, die er geschrieben hat, auf seinen Reisen, besonders in Italien, an seinen Vater und seine Schwester. Es ist interessant, wie er alles beobachtet. In Mailand hört er Musiker auf der Straße spielen und sagt, das ist viel besser, als man es in der Oper macht. Die Natur hat ihn inspiriert, aber auch das Leben der Menschen. Und man hört den Geist der Volksmusik, aus Italien wie aus Schottland. [Savall singt das schnelle Thema aus dem Vivace der Schottischen Sinfonie.] Das war ursprünglich sehr wahrscheinlich ein schottischer Tanz.
Volker Hagedorn: Interessanterweise hat Robert Schumann, als er diese Sinfonie in Leipzig hörte, ohne dass sie damals „Schottische“ hieß, an „jene alten im schönen Italien gesungenen Melodien“ gedacht. Und umgekehrt hat ein Rezensent nach der Londoner Uraufführung der Italienischen Sinfonie sich im Andante an „some ancient Scottish melodies“, also an einige alte schottische Melodien erinnert gefühlt.

Jordi Savall: Ja! Die italienische Musik und die keltische Welt, die sind einander sehr nah, sie haben tiefe gemeinsame Wurzeln. Mendelssohn hat wirklich die Essenz dieser beiden Kulturen erfasst und sie eingefangen. Ich habe mich vier Jahre lang mit schottischer Musik beschäftigt, mit Quellen aus dem 17. Jahrhundert. Das ist alles voll von tänzerischer Energie und Improvisation. Der letzte Satz der Schottischen Sinfonie [Savall meint das finale Allegro maestoso im Sechsachteltakt] wird meistens zu langsam gespielt, zu akademisch, die Dirigenten sehen nicht, dass ein Jagdlied dahintersteckt, und dann verliert man diese Naturkraft.
Volker Hagedorn: Ich las in einem Buch, das zu Mendelssohns 200. Geburtstag erschien, seine Sinfonien seien nur ein „Mittelgebirge“ zwischen Beethoven und Bruckner.
Jordi Savall: Das ist verrückt. Wenn man sich mit den Sinfonien beschäftigt, merkt man, das ist so genial wie Beethoven – und es ist einfach eine andere Zeit. Schubert hat sich schon gefragt, was kann man nach Beethoven machen? Beethoven war so ein Monster, ein Gigant. Und da möchte ein junger Komponist noch eine Sinfonie schreiben? Er ist konfrontiert mit einem unglaublichen Erbe. Schubert und Mendelssohn haben wirklich eine neue Art gefunden, Sinfonien zu bauen, zu komponieren. Man muss das auch anerkennen.
Volker Hagedorn: In Deutschland hat es eine gewisse Vorgeschichte, Mendelssohn oberflächlich zu finden.
Jordi Savall: Er ist heute noch bestraft durch die Worte von Richard Wagner, die Juden könnten nur kopieren, nicht kreativ sein. Dabei war es Wagner, der Melodien von Mendelssohn kopiert hat. Aber wenn ein – ganz wunderbarer – Komponist wie Wagner jemanden wie Mendelssohn attackiert, hat das Folgen. Und Wagner war nicht der einzige. In Deutschland ist so viel passiert gegen Mendelssohn, bis ins Dritte Reich, dass es immer noch schwer ist, ihn objektiv zu sehen.
Volker Hagedorn: Vielleicht hilft es, ihn ganz neu zu entdecken!
Jordi Savall: Man muss seine Musik wirklich mit aller Frische spielen. Man darf sie nicht akademisch spielen, es ist Musik für einen jungen Geist, mit sehr frischem Blut komponiert. Ein bisschen paradox, wenn gerade ich das sage, weil ich schon 84 bin … Was wir mit den originalen Instrumenten machen, hilft auch, weil man dabei Sachen versteht, die mit modernen Instrumenten weniger klar sind. Und mit einem großen Orchester wird alles sehr massiv, da fehlt ein wichtiger Aspekt der poetischen Kombination von Farben und Transparenz. Es ist wie mit Mozart.
Volker Hagedorn: Ich finde, man kann auch Mendelssohns Extreme deutlicher machen.

Jordi Savall: Natürlich! [Savall singt das Saltarello-Thema aus dem Finale der Italienischen Sinfonie.] So schnell können Menschen mit Worten gar nicht sprechen! Das sind unglaubliche Momente, es ist wahnsinnig. Ich bin total verliebt in Mendelssohn!
Volker Hagedorn: Kommt es noch vor, dass Leute zwischen den Sätzen klatschen? Ich frage das, weil Mendelssohn in seiner Schottischen Sinfonie alle Sätze attacca haben wollte, aber in Leipzig wurde 1842 trotzdem zwischendrin applaudiert.
Jordi Savall: Die Leute haben zum ersten Mal diese Musik gehört! Und da waren sie so überrascht und so happy. Heute schaut man ein bisschen arrogant, wenn jemand mittendrin klatscht: Ach ja, noch ein Dummer. Ich finde das nicht. Ich spiele oft in der Philharmonie de Paris. Die Tickets sind nicht so teuer, und der Saal ist an der Peripherie, in einem ärmeren Teil der Stadt. Da kommen viele, die sonst nicht in Konzerte gehen. Und es passiert sehr oft, dass sie zwischen den Sätzen klatschen. Das stört mich absolut nicht. Ich finde es schön, dass Menschen, die zum ersten Mal in ein Konzert kommen, froh sind und dann klatschen.