Text | Gespräch | Musikfest Berlin 2026
Magie des Imperfekten
Clara Iannotta im Gespräch

Für Clara Iannotta ist Musik immer eine Art Selbstreflexion. Ihre Ensemblestücke They left us grief-trees wailing at the wall und echo from afar (ii) sind beide während der Corona-Pandemie entstanden. Eine Zeit, die nicht nur aufgrund der globalen Krise eine große Herausforderung für die italienische Komponistin darstellte. Über das Verlassen der eigenen Komfortzone, die Instabilität von Klängen und die Magie des Imperfekten sprach sie im Mai 2026 mit Dirk Wieschollek.
Dirk Wieschollek: They left us grief-trees wailing at the wall – das ließe sich ungefähr übersetzen mit „Sie ließen uns Trauer-Bäume zurück, die an der Mauer klagen“. Das klingt nach einem gehörigen Quantum Melancholie. Wieviel Trauer ist in diesem Stück für neun verstärkte Instrumente und Elektronik?
Clara Iannotta: Ich fing 2019 an, das Stück zu schreiben, konnte es aber zunächst nicht beenden, da meine Mutter schwer erkrankte. Dann kam die Pandemie und wir mussten die Uraufführung verschieben. Bis dahin beruhten meine Stücke größtenteils auf einem spezifischen Konzept. Ich hatte eine bestimmte Idee und dann begann der Prozess klanglicher Umsetzung. Das bedeutete, hinter meine persönlichen Vorlieben zu gelangen, um Klänge zu entdecken, die ich normalerweise vielleicht nicht gesucht hätte. Aber in dieser für uns alle so harten Zeit wollte ich es anders machen und in They left us meine bevorzugten Klänge zusammenbringen. Es war ein bisschen wie die Suche nach Geborgenheit in einer besonders schwierigen Situation: die Erkrankung meiner Mutter, die Pandemie, dann erkrankte ich selbst.
Dirk Wieschollek: Der Titel geht erneut auf einen Vers der irischen Dichterin Dorothy Molloy zurück?
Clara Iannotta: Ja – wie in allen meinen Kompositionen!
Dirk Wieschollek: Suchst du die Titel deiner Stücke vor, während oder nach dem Kompositionsprozess aus?
Clara Iannotta: Das hängt davon ab. Normalerweise lese ich immer Verse von Dorothy Molloy, bevor ich anfange, ein Stück zu schreiben. Bei They left us kristallisierte sich der Titel während des Komponierens heraus, im Kontext der eigenen Erfahrung von Verlust, aber gar nicht mal in einem wirklich trostlosen Sinne. Ich habe nicht nur schlechte Erinnerungen an diese dunklen Zeiten. Dennoch ist das Stück schon sehr von den damaligen Lebensumständen beeinflusst, was sich vor allem bei den Streichern zeigt, die die Saiten meist nur halb mit den Haaren und halb mit dem Holz des Bogens streichen. Der Klang ist nie sauber. Es gibt immer diese Reibung, diese Schwierigkeit, weiterzumachen.

Dirk Wieschollek: In deiner Musik werden die Instrumente auf ganz unterschiedliche Weise präpariert. Es finden Objekte als Zusatzinstrumente Verwendung, mit denen die Spieler*innen in der Regel nicht vertraut sind. Zusätzlich gibt es eine elektronische Ebene. Aber der hauptsächliche Fokus deiner Musik scheint mir doch auf einer komplexen Behandlung des konventionellen Instrumentariums zu liegen. Was, glaubst du, ist das Problem von Orchestermusiker*innen mit dieser Art der Klangproduktion? Ist die Unsicherheit nach wie vor groß, in eine Klangproduktion einzusteigen, die die akademische Tonhöhengestaltung verlässt?
Clara Iannotta: Vielleicht nur soviel: Vor allem die Streicher haben oft Angst vor einer Beschädigung ihrer Instrumente. In der Regel spielen Solist*innen und Ensemblemusiker*innen meine Musik jedoch ohne negative Auswirkungen auf ihr Instrumentarium. Ich verstehe es aber durchaus, dass die Musiker*innen sich unsicher fühlen, wenn sie ihre Komfortzone verlassen. Aber darum geht es ja auch in meiner Musik.
Dirk Wieschollek: Welche Rolle spielt die Elektronik in They left us?
Clara Iannotta: Es gibt inzwischen zwei Versionen! Die ursprüngliche Version hatte nur Verstärkung; eine neuere Version, die in Berlin gespielt wird, hat zusätzliche Elektronik. Ihre Rolle besteht hauptsächlich darin, die Hör-Perspektive zu verändern. Elektronik macht das Ganze sehr räumlich. Aber das ist allgemein ihre Aufgabe in meiner Musik: Die Klänge werden quasi dreidimensional. Es ist nie wirklich offensichtlich, was elektronisch und was instrumental ist und woher es genau kommt.
Dirk Wieschollek: Wenn wir einen kurzen Blick auf die Dramaturgie von They left us werfen, fallen im ständig fluktuierenden Klangkontinuum harte schroffe Setzungen auf, Klangexplosionen, die den fließenden Ablauf stark beunruhigen. Auf der anderen Seite gibt es diese auffallend sphärischen Glasharmonikaklänge. Ein starker Kontrast ...
Clara Iannotta: Diese aggressiven Akzente fingen 2018 mit dem Orchesterstück Moult an, glaube ich. Es ist so ein bisschen wie wenn du läufst, und plötzlich schlägt etwas gegen deinen Arm oder dein Knie. Du fühlst diesen abrupten Schmerz, irgendetwas scheint beschädigt oder zerbrochen zu sein. Ja, und dann gibt es diese extrem hohen Klänge. Es ist wie Luft. Wie in einem Hafen, wo die Flaggen im Wind einen ganz bestimmten Klang erzeugen, einen ganz speziellen pfeifenden Klang.
Dirk Wieschollek: Also eine eher transzendente Hörerfahrung?
Clara Iannotta: Wie ein Fenster, das sich zu einem grenzenlosen Raum öffnet – kalt, klar und windig.
Dirk Wieschollek: Eine gute Überleitung zu echo from afar (ii). Der Titel sagt uns, dass wir mit einer unbestimmten Ferne konfrontiert sind.
Clara Iannotta: Das Stück ist Teil einer Serie von fünf Kompositionen, die alle auf verschiedenen Versen desselben Gedichts von Dorothy Molloy beruhen: Neben echo from afar handelt es sich um where the dark earth bends für Orchester (2022), strange bird – no longer navigating by a star für Orchester (2023), vacant lot (strange bird) für großes Ensemble (2023) und The purple fuchsia bled upon the ground (2023/24). Es ist dieses wundervolle Gedicht von ihr, wo es heißt: „My heart left my chest“. Und da, wo das Herz war, ist jetzt ein leerer Raum. Das Einzige, was noch vorhanden ist, sind „Echoes from afar of a strange bird no longer navigating by a star“. Es gibt keine klare Richtung mehr, das Einzige, was man hört, sind Echos aus der Ferne. Ich liebe dieses Gedicht.
Dirk Wieschollek: Das klingt sehr körperlich ...
Clara Iannotta: Musik ist für mich immer eine Art Selbstreflexion. Nachdem ich They left us beendet hatte, wurde bei mir Krebs diagnostiziert. Nach einer Krebserkrankung ist man aber nicht mehr dieselbe Person. Ich wusste nur, dass ich nicht mehr die gleiche Musik schreiben kann wie zuvor. Wie ein Vogel, der keinen Stern mehr hat und nicht mehr weiß, wo er hinfliegen soll. Ein leerer Raum. Aber Raum ist niemals ganz leer. Nehmen wir beispielsweise I Am Sitting in a Room von Alvin Lucier, das ich während meiner Behandlung ganz oft gehört habe. Dort enthüllt der Raum sich selbst durch den Klang. Was man hört, ist die Resonanz des Raumes selbst. Also wollte ich – obwohl ein leerer Raum in mir selbst war und ich mich verloren hatte – keinen leeren Raum stilisieren, sondern den Raum zum Klingen bringen. In diesem Zyklus wandert ein spezifischer Klang durch verschiedene Räume und verliert dabei seine ursprüngliche DNA. Als ich an Krebs erkrankte, zwang mich etwas Äußeres zur Veränderung. Ich suchte also einen Klang und verschiedene Räume, die diesen Klang ändern, und die Reise, die ich mit meinem Körper machen musste, wollte ich auf den Klang übertragen. Dieses Konzept bestimmt den gesamten Zyklus.

Dirk Wieschollek: Das Basismaterial der fünf Stücke und ihrer Verräumlichungen sind konkrete Klänge aus der Strahlentherapie, ist das richtig?
Clara Iannotta: Ja. Die Maschinerie so einer Strahlentherapie ist ja extrem klanglich! Nach der zweiten Sitzung bemerkte ich, dass es immer dieselbe Sequenz war. Jeden Tag, wenn ich aus dem Krankenhaus kam, nahm ich mich selbst auf, wie ich immer dieselbe Sequenz der Strahlentherapie nachsang. Es ist eine kurze Melodie, klangfarblich sehr interessant:
[Singt die Sequenz mit erstaunlich „elektronischer“ Färbung der Stimme.]
Eines Tages kam ich in einen anderen Raum mit einer anderen Maschine, und es war dieselbe Sequenz, aber leicht anders gestimmt. Faszinierend. Nach jeder Sitzung versuchte ich, das Gehörte abzuspeichern. Diese Aufnahmen wurden zum Material, das in den Raum dieser Stücke weitergeführt wurde.
Dirk Wieschollek: Auch hier spielt die Elektronik eine besondere Rolle.
Clara Iannotta: Sie dient vor allem dazu, sehr leise Artikulationen wie unter einer Lupe vergrößern zu können, Klänge sozusagen zu mikroskopieren. Eine Menge Klänge und Techniken, die ich verwende, sind äußerst fragil. Die Musiker selbst können dort nicht die Dynamik steigern. Wenn sie laut spielen würden, dann würden sie die Zerbrechlichkeit der Klänge zerstören. Besonders interessant ist für mich diese intime Erfahrung mit den Klängen.
Dirk Wieschollek: Es geht praktisch ins Innere einer umfassenden Instabilität.
Clara Iannotta: Das ist genau der Punkt! Immer wieder fragen mich Leute: Deine Musik klingt so elektronisch, warum nutzt du normale Instrumente? Und ich antworte ihnen, dass ich andernfalls diese Instabilität der Klänge verlieren würde. Alle Techniken, die ich verwende, sind so dermaßen instabil, dass ich mir zwar der Klangfarbe bewusst bin, aber niemals der genauen Schattierung der Klangfarbe.
Dirk Wieschollek: Und es ist nie ganz kontrollierbar.
Clara Iannotta: Das ist es, was ich überhaupt an Kunst interessant finde: diese Unsicherheit in Bezug auf das künstlerische Endprodukt. Das Imperfekte ...
Dirk Wieschollek: Du hast sehr differenzierte Vorstellungen von dieser Imperfektion. Es gibt in deinen Partituren Links zu Videos, die spezielle Techniken detailliert veranschaulichen.
Clara Iannotta: Ich habe eine klare Vorstellung von meinen Klängen. Und trotzdem weiß ich, dass sie nie identisch reproduzierbar sein werden. Aber was ich an Klang generell am meisten mag, ist das Instabile und nicht das Kontrollierbare. Es bleibt immer diese Lücke des Imperfekten. Und diese Lücke macht die Magie des Klingenden aus.