Text | Essay | Berliner Festspiele 2026

Die Zukunft der Berliner Festspiele (2000)

von Ivan Nagel (1931–2012)

Sprich nicht von nötig
Der gemeinste Bettler
Hat in der Not noch irgend Überfluß. 
Gib der Natur nur das, was nötig ist, 
Dann wird des Menschen Leben wie des Tiers.
 
– Shakespeare, König Lear

Ersterscheinung 2000

Verfügbar seit 20. Juli 2026

Lesezeit ca. 7 Min

Deutsch

Festspielgeschichten

I. 
Jeder sagt, und es ist trotzdem wahr: Es ist Zeit, über die Berliner Festspiele neu nachzudenken. Nicht weil sie schlecht oder verbraucht sind, sondern weil sie inmitten der neuen Chancen und Forderungen der kommenden zehn bis zwanzig Jahre gut, wichtig, unentbehrlich bleiben sollen. Der Auftrag und die Wirkungskraft der Berliner Festspiele müssen wachsen, statt mutlos eingeschrumpft zu werden.

Die Sorgen der notgeplagten Berliner Kulturpolitik gelten viel zu sehr dem leider oft mittelmäßigen, nur gewohnheits-gefestigten Riesenbestand ihrer Institutionen. Wer aber Kunst macht oder möglich macht, darf das Außerordentliche nicht vergessen. Nur an ihm erfahren wir, weshalb es Kunst überhaupt geben muß. Ich sage es deutlich: Es gibt keinen Widerspruch zwischen der Eigenproduktivität der Künste in Berlin und der Gastfreundschaft für das, was außerhalb Berlins geschieht. Es gibt keinen Widerspruch zwischen dem Humus der städtischen Kunst und Bildung in den Bezirken, in den Volksbüchereien – und jener großen Institution, die in der deutschen Hauptstadt das Beste aus Deutschland, Europa und der Welt zu sammeln und zu zeigen berufen ist. Im Gegenteil: Berlins Kultur wird zum Provinzmuff, wenn sie nicht mehr von den Kulturen der Welt lernen will, wenn sie sich vor dem Vergleich mit deren Ideen und Maßstäben drückt.

II.
Was sind die neuen Chancen und Forderungen? Die Berliner Festspiele sind die prädestinierte Verbindung, Vermittlung zwischen dem Bund und Berlin, die Hauptstadt-Einrichtung par excellence. Ihr Programm umgreift nicht lokale, sondern nationale und internationale Aufgaben. Die Bundesförderung, die Berlins Kultur braucht, kann sich an keiner anderen Stelle klarer gegen föderalistische Einwände rechtfertigen. Als ich vor Jahrzehnten großes Theater von kleinen und großen Truppen aus Japan, Amerika, der Sowjetunion ins Hamburger Schauspielhaus brachte, profitierte ich sozusagen auf Schleichwegen von der Berlin-Hilfe: Die Reisekosten für Peter Brooks Sommernachtstraum, für Giorgio Strehlers König Lear (um nur das Unvergeßliche zu nennen) hätte ich ohne die Berliner Festspiele nicht aufgebracht. Sie hatten im übernationalen Austausch die bahnbrechende Initiative – und könnten sie wieder haben. 

Aus eigener Kraft dieser Stadt ist das nicht möglich. Ein schlimmes Beispiel: Die Berliner Mittel für internationalen Kulturaustausch sind seit der Vereinigung auf einen Bruchteil des ehemals Westberliner Standes reduziert und sollen weiter reduziert werden. Aber nicht nur bei uns, in den meisten deutschen Städten droht die Finanznot jede einzelne Austausch-Initiative zu erdrücken, da doch jedes bedrängte Museum, Opernhaus, Theater zuerst an die Rettung der eigenen Arbeit denkt. Von Berlin könnte da weltoffene Anregung und organisatorische Hilfe kommen, nicht nur übermächtige Konkurrenz. Wenn aber Berlin als Festspielort wegfällt, droht Deutschland von der Liste epochemachender internationaler Gastspiele zu verschwinden. Aus all diesen Gründen halte ich es für richtig, ja unentbehrlich, daß der Bund die Finanzierung der Berliner Festspiele übernimmt. Darauf, was dabei vorerst noch falsch läuft, komme ich später.

III.
Die Berliner Festspiele, sagten wir, sind dazu prädestiniert, die Verbindung zwischen dem Bund und seiner Hauptstadt zu sein in ihren gemeinsamen internationalen und nationalen Kulturaufgaben. Welche sind das, konkret gefragt? Im Rahmen der Festwochen, vor deren vieldiskutierter Liquidierung ich warnen möchte, können die Programme der vielen Berliner Kunstorganismen einmal im Jahr zu einer komplexen, vielfarbigen, höchst publikumswirksamen Ganzheit verbunden werden. Internationale Gastspiele und Projekte könnten diese Ganzheit – im Zeichen einer Idee, einer Epoche, einer neuen oder historischen Lebensform – ins Allgemeine heben und verdeutlichen.

Die übernationalen Aufgaben der Berliner Festspiele erschöpfen sich also nicht (wie es als weitere Selbstverstümmelung in unserer Not erwogen wird) in einer dezentralen Zusammenarbeit mit dem Haus der Kulturen der Welt, mit dem Hebbel-Theater oder dem Podewil. Im Gegenteil: Nur die Festspiele können das gemeinsame Muster entwerfen, in das sich deren gleichsam spezialisierte Kultur- und Kunstarbeit einfügt.

Für die nationalen Aufgaben der Festspiele nehme ich das Beispiel Theatertreffen. Nach über dreißig Jahren ist diese Begegnung, dieser Vergleich zwischen den besten Schauspielaufführungen deutscher Sprache aus Deutschland, Österreich und der Schweiz notwendiger als je. Zugleich ist das Geschwätz über die Abschaffung des Theatertreffens niemals lauter gewesen als in diesem Augenblick. Sogar der neue Kultursenator übernimmt die Vokabeln der eingeschnappten Theaterkritiker und Regisseurintendanten, die nicht in die Jury eingewählt oder von der Jury ausgewählt worden sind. „Das Echo sei“, sagt Stölzl, in diesem Jahr „recht doppeldeutig ausgefallen“. Als ob das Echo der Meisterwerke Kortners, Zadeks, Steins, Grübers, Wilsons im Theatertreffen nicht immer schon „doppeldeutig“ ausgefallen wäre bei denen, die innovative Meisterwerke nicht zu erkennen oder selber zu schaffen vermochten. Die Kunst des Theaters ist vielfältiger, unser Land ist größer geworden. Bei den Entfernungen zwischen Rostock und Zürich, Bremen und Wien, aber auch zwischen Pina Bausch und Thomas Ostermeier brauchen wir das Theatertreffen mehr als je.

IV. 
Trotz internationalem und nationalem Auftrag: Die Berliner Festspiele sind Festspiele für die Berliner. Die Künste denken und arbeiten nicht für abstrakte hohe Instanzen, sondern für eine lebendige städtische Gemeinschaft. Auch hier irrt der kluge Christoph StölzI in seinem dpa-Interview vom 26. Juni. Er fordert von den Festwochen „einen zwingen den Grund“ für Reisende, „nach Berlin zu kommen“. Seine Vergleiche mit Salzburg, Bayreuth, Verona sind aber falsch. Die Berliner Festwochen bieten nicht eine Spezialität feil; sie sind, von der größten urbanen Lebenswelt deutscher Sprache getragen, Verständigung der Hauptstadt, der Nation mit der Welt. Sie sind, der wichtigste Unterschied, kein Festival für ein Luxuspublikum. Wenn Daniel Barenboim die Münchner Opernfestspiele nachahmen will, soll er das damit tun, daß er dabei viel Geld von den Superreichen einscheffelt – statt zusätzliches Geld für Stargäste anzufordern, die in der zweiten Repertoire-Aufführung, wie er selbst, nicht mehr dabei sind.

V. 
Ich habe mich für die Freie Volksbühne in der Schaperstraße als Festspielsitz eingesetzt, als jeder andere sie schon aufgegeben hatte. Ich halte ihre Wiederbelebung für eine bedeutende, sogar für eine neuartige Chance. Dort sollten klar definierte „Saisons“ stattfinden, die insgesamt Lust und Beteiligung im Publikum wecken, und bei denen eine Aufführung auf die nächste neugierig macht. Denkbar sind als „Saisons“: Internationale Theatergastspiele in zeitlicher Nähe zu den Festwochen; das Berliner Theatertreffen im Mai; internationaler und Berliner Tanz. Große einzelne Gastspiele mit eigener Zugkraft könnten im Winter folgen. 

In einer längeren Perspektive, das heißt, bei einsichtig wachsender Auftragsbestimmung und Finanzierung, wären weitere Saisons denkbar: internationales Theater mit Schwerpunkt Schauspiel als jährliches Festival „Theater der Nationen“; deutsche Schauspiel-Gastspiele (in Serien von 5-15 Aufführungen), die nicht ins Theatertreffen kamen oder dort zu wenige Aufführungen hatten; ähnlich lange Aufführungsserien der bedeutendsten Tanztruppen (Bausch? Forsythe? Nederlands Dans Theater?); Koproduktion von experimentellen Projekten im In- und Ausland, die ohne Mitwirkung der Festspiele nicht zustande kämen. Hier wird es besonders wichtig, die Koordination mit dem Haus der Kulturen der Welt, dem Hebbel-Theater, den Sophiensælen usw. zu aktivieren.

VI. 
Alles spricht gegen die Aufstückelung, Dezentralisierung der Berliner Festspiele – und für eine große Institution mit entsprechender Finanzierung. Ich komme zum Schluß und damit auf einen schmerzlichen Punkt. Seit über einem Jahr weiß man, daß Ulrich Eckhardt nach jahrzehntelanger fruchtbarer Arbeit Ende 2000 die Festspiele verläßt. Seither ist, auch durch seine Initiative, von einem Nachdenken über die Zukunft der Berliner Festspiele die Rede. Zuletzt wurde „eine Programmreform der Berliner Festspiele“ sogar in die Koalitionsvereinbarung des gegenwärtigen Senats aufgenommen. Trotzdem haben nun Bund und Land fertige Personalentscheidungen jedem Konzeptgespräch vorgezogen. So muß das Selbstverständliche nochmals ausgesprochen werden: Die Berufung eines Intendanz-Nachfolgers kann ein offenes, umfassendes Expertengespräch über die künftigen Aufgaben und Strukturen der Festspiele nicht ersetzen. 

Wie vieles gäbe es da zu besprechen... Im einzelnen zum Beispiel: die Rolle der neuesten, nicht nur klassischen, Musik; die Rolle der Bildenden Kunst (die vielleicht ungezähmter, entdeckungslüsterner präsentiert werden sollte, einmal losgebunden von den großen historischen, historisierenden Zusammenhängen). Im Grundsatz aber: Was wird aus den Festspielen? Was wird aus den Filmfestspielen? Werden die beiden stärker oder schwächer als bisher zusammenhängen? Ändert sich etwas an ihren Programmen infolge der Alleinfinanzierung des Bundes? Wird das Land Berlin noch mitreden können und dürfen? Was wird aus den Festwochen? Was aus dem Theatertreffen? Für diese Fragen könnte man, innerhalb und außerhalb Berlins, Phantasie und Sachverstand mobilisieren. Wird man es endlich tun?

 

(nach einer Rede in der Friedrich-Ebert-Stiftung am 11.7.2000)

Erschienen in: 50 Jahre Berliner Festwochen. Eine kommentierte Chronik. 1951–2000, überarbeitete und stark erweiterte Ausgabe der 1998 erschienenen Chronik Die Berliner Festwochen, hrsg. von Berliner Festspiele, 2000, S. 254-259.

 

Ivan Nagel, 1931 in Budapest geboren und 2012 in Berlin verstorben, war Kritiker, Wissenschaftler, Dramaturg und Intendant. Als Leiter des Deutschen Schauspielhauses Hamburg und des Stuttgarter Staatsschauspiels, als Initiator des Festivals Theater der Welt sowie als Architekt der Berliner Theaterlandschaft nach 1989, die auf Grundlage seines Gutachtens neu strukturiert wurde, gilt er als weitsichtiger Ermöglicher und zentrale Persönlichkeit der deutschen Theatergeschichte. Nagel war zudem als Theaterkritiker für die Süddeutsche Zeitung und als New Yorker Kulturkorrespondent für die Frankfurter Allgemeine Zeitung tätig. Von 1989 bis 1996 lehrte er als Professor für Geschichte und Ästhetik der Darstellenden Künste an der Universität der Künste Berlin.