Text | Essay | Gropius Bau 2022

Landschaften im Zeichen der Chemie

Von Lili Carr mit Fotografien von Fred Walkow

Greppiner Grube mit Trabbi (oben links). „Trabbi ist der Kosename für den Trabant, ein DDR-Auto. Um einen Trabant zu kaufen, musste man 10 bis 12 Jahre warten. Der Preis entsprach einem durchschnittlichen Jahreseinkommen. Niemand wäre auf die Idee gekommen, einen Trabbi wegzuwerfen! Doch nach 1990 war der Trabbi nichts mehr wert. Heute ist er eine Ikone des einfachen, alltäglichen Lebens in der DDR.“ ~FW © Fred Walkow

Die Stadt Bitterfeld, die im 20. Jahrhundert durch die Industrie stark verschmutzt wurde, gilt heute als Vorzeigebeispiel für grüne Regeneration. Doch chemische Gifte wurde nur unterirdisch in einer Art „Blase“, wie Einwohner*innen sie nennen, eingeschlossen. Wie lange kann diese Eindämmung ausreichen? Die Architektin, Forscherin und Mitglied von Feral Atlas, Lili Carr, untersucht Fürsorgebestrebungen für eine Landschaft, die für immer von ihrer industriellen Vergangenheit bedroht ist.

Verfügbar seit 12. Dezember 2022

Lesezeit ca. 20 Min

Deutsch und Englisch

Wortmarke Gropius Bau

Unterirdische Landschaften sind ein heilloses Durcheinander biologischer, chemischer und hydrogeologischer Aktivitäten. Die Tatsache, dass sie sich – verschüttet – außerhalb unseres Blickfeldes befinden, erschwert jeden Versuch, sie zu begreifen. Ein Gebiet in Bitterfeld, Sachsen-Anhalt, dessen Untergrund durch Bergbau und industrieller Nutzung entstand, widersetzt sich der Sanierung und erfordert eine genaue und fortwährende Beobachtung, insbesondere in Bezug auf die ungewisse Dynamik seiner lebensbedrohlichen chemischen Bodenbelastungen. Ausgehend von einem dreimonatigen Forschungsaufenthalt im Archiv des Kreismuseums Bitterfeld (1) und Gesprächen mit dem ehemaligen Leiter des städtischen Umweltamtes, Dr. Fred Walkow, dokumentiert dieser Text verschiedene hydrogeochemische Vorgänge in einer Landschaft, deren mehr-als-menschliche Aktivitäten, Politiken und Geschichte(n) von der Chemie geprägt wurden und werden.

Grube Goitzsche. Ein Foto der Grube Goitzsche, bevor sie geflutet wurde. ~Fred Walkow © Fred Walkow

Am südöstlichen Rand der Stadt Bitterfeld beginnt die Goitzsche, ein aufgeforstetes Erholungs- und Waldgebiet, rund um den Goitzschesee, einem der kürzlich gefluteten Erholungsseen der Region. Hier hat es nicht immer einen Wald gegeben, obwohl ein solcher bereits in früheren Berichten über die Region beschrieben wird. (2) Es ist eine Landschaft, die immer wieder neu geschaffen wurde, ein Ort, an dem man studieren kann, was die Anthropologin Anna Lowenhaupt Tsing als „bare-ground ecohistories“ [„offen liegende Umweltgeschichte(n)“] bezeichnet; Geschichten, in denen Menschen und Nicht-Menschen daran arbeiten, eine radikal veränderte Landschaft neu zu gestalten. (3)

Stehe ich am Ufer des Goitzschesees, bin ich gezwungen, visuell und sensorisch zu erfassen, dass sich genau an dieser Stelle einst das klaffende Loch eines Tagebaus erstreckte. Ende des 17. Jahrhunderts wurde in Bitterfeld ein oberflächennahes Braunkohleflöz entdeckt, Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Abbau dann, nach der Erfindung der dampfbetriebenen Grundwasserpumpe, in großem Stil möglich. An der Nordwestflanke der Stadt wurden die ersten Braunkohlegruben eröffnet, und mit steigender Nachfrage entstanden im Laufe des 20. Jahrhunderts entgegen dem Uhrzeigersinn immer größere Gruben rund um die Wohngebiete der Stadt. Die letzten Gruben an der Ostseite, darunter die Goitzsche, wurden 1992 geschlossen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts eröffneten vier Chemiefabriken, darunter die Filmfabrik und die Farbenfabrik, am westlichen Stadtrand von Bitterfeld und der angrenzenden Stadt Wolfen – angezogen von der Nähe zu Braunkohleenergie, Bodenschätzen, Wasser, Arbeitskraft, Eisenbahnanbindung und den bereits ausgeförderten Westgruben, die für die Ablagerung von Industrieabfällen zur Verfügung standen. Bis Mitte der 1980er Jahre produzierten diese Fabriken 4500 verschiedene Industrie- und Haushaltsgüter, darunter Kunststoffe, Kunstfasern, Pestizide, Metalle, Tinten und Farbstoffe, Fotofilme, Arzneimittel, Phosphor und Chlor. Zum Zeitpunkt der Schließung der Fabriken in den Jahren nach der Wiedervereinigung hatte man die festen und flüssigen Nebenprodukte der einzelnen Produktionsprozesse über einen Zeitraum von hundert Jahren in diese Gruben geleitet. (4)

Heute siedeln sich auf den ehemaligen Fabrikgeländen neue chemische Industrien an, wiederum angezogen von der vorhandenen Infrastruktur, den Bodenschätzen, dem Wasser, den Arbeitskräften, der Bahnanbindung, der lokalpolitischen Gunst – und unter der Voraussetzung, dass der Staat die Sanierung der vergifteten Böden finanziert. (5) In den Wohngebieten von Bitterfeld und der Goitzsche wird mit Hilfe von Grundwassermessstellen, -aufbereitungsanlagen und unterirdischen Dichtwänden versucht, das Erbe der chemischen Industriegifte, deren Lebensdauer Jahrzehnte bis Jahrhunderte beträgt, aufzuspüren, zu entfernen oder einzudämmen.

Ockerbildung (II) in der Goitzsche. „Hier ist eine blaue Oberfläche zu sehen, die wie Öl auf Wasser aussieht. Es handelt sich um den so genannten Eisenspiegel, eine sehr dünne Ockerschicht, die durch die mikrobielle Oxidation von Fe(II) entsteht. Die blaue Farbe wird durch die Brechung des Sonnenlichts hervorgerufen, wodurch sie sich von der orangen Farbe des festen Ockers abhebt.“ ~FW © Fred Walkow

Der Chemiker Fred Walkow war von 1975 bis 1990 Mitarbeiter der Filmfabrik Wolfen und anschließend, von 1990 bis 2015, Leiter des Bitterfelder Umweltamtes. Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre hat er in der Umgebung von Bitterfeld zahlreiche Fotos gemacht. Eines davon zeigt einen Grundwassereinbruch, der unter einer ausgeförderten und teils gefluteten Grube aus dem Untergrund aufsteigt. Da die Braunkohle in dem Gebiet unterhalb des Grundwasserspiegels lag, erforderte der Abbau das ständige Abpumpen des Wassers, das sonst die Gruben geflutet hätte. Während das abgepumpte Grundwasser in den Fluss Mulde geleitet wurde, brachte der Braunkohleabbau die fein geschichtete und stabile Stratigraphie radikal durcheinander. Die wasserundurchlässigen Tonschichten, die einst die beiden Grundwasserspeicher der Region eindämmten, wurden abgetragen, um an die Braunkohle zu gelangen; gleichzeitig wurden die ausgeförderten Gruben mit wasserdurchlässigem Abraum – nicht benötigten Sanden und Sedimenten – aufgefüllt. Was einst zwei horizontal getrennte, aber benachbarte Grundwasserspeicher waren, ist heute, ohne die geologische Trennschicht, eine teilweise verbundene, zähflüssige Masse, die dort austritt oder versickert, wo es der hydrostatische Druck und die Schwerkraft vorgeben.

Mehrere dieser Fließwege durchqueren die Deponien. Ein Cocktail aus Chlorkohlenwasserstoffen – samt deren Vorläufern und Nebenprodukten – wird unter den Chemiedeponien im Westen vom Grundwasser aufgenommen, bevor es auf seinem Weg unter den Wohngebieten Bitterfelds hindurch in Richtung Mulde fließt. Bekannte Stoffmengen vermischen sich mit unbekannten Verbindungen aus einer Vielzahl ungeklärter Quellen; industrielle Rückstände aus dem 20. Jahrhundert mischen sich mit den Produkten vergangener und heutiger mehrstufiger, mehrdimensionaler thermodynamischer und metabolischer Prozesse. Das Grundwasser der Stadt trägt zu dieser unaufhörlichen Umgestaltung der Umwelt bei, indem es diese Fracht menschlicher und nicht-menschlicher Materialgeschichte aufnimmt; mineralische, chemische und mikrobiologische Nebenprodukte, deren Vorhandensein, ganz zu schweigen von ihren Produktions- und Interaktionsmechanismen, höchst ungewiss, wenn nicht gar völlig unbekannt sind. (6)

  • Liegenddurchbruch Niemegker Loch. „Grundwasser aus einem unter Druck stehenden Grundwasserspeicher durchbricht eine Stauschicht, die oft aus Ton oder Lehm besteht.“ ~FW © Fred Walkow
  • Schatten in Ionenaustauschern. „Ionenaustauscher werden in Bitterfeld bereits seit Jahrzehnten und bis heute produziert. In der DDR war das Chemiekombinat Bitterfeld Hauptproduzent von Ionenaustauschern. Fehlerhafte Chargen wurden über das Kanalsystem ausgeschwemmt, ein Teil dieses Materials setzte sich am Ufer des Spittelwassers ab und bildete bis zu 50 cm tiefe Ablagerungen. Ionenaustauscher absorbieren aufgrund ihres organischen Polymergerüsts organische Schadstoffe aller Art in beträchtlichen Mengen. Die Entfernung der Ionenaustauscher am Spittelwasser war die erste Umweltsanierungsmaßnahme in Bitterfeld und bis heute die einzige erfolgreiche Sanierungsmaßnahme außerhalb des Chemieparks Bitterfeld. Zahlreiche Fernsehteams filmten die Arbeiten. Die sphärischen Ionenaustauscher streuen das Sonnenlicht und erzeugen einen kreisförmigen Lichthof, wenn die Sonne im Rücken des Betrachters steht.“ ~FW © Fred Walkow

Die bekannten chemischen Stoffe – zumindest die stabilsten (mit den längsten Halbwertszeiten), die eine besondere Bedrohung für die menschliche Gesundheit darstellen – werden durch ein Netz von über 800 Grundwassermessstellen in der Goitzsche und in den Wohngebieten von Bitterfeld überwacht. Jede Messstelle ist so kalibriert, dass sie den Gehalt dieser Chemikalien misst und jede Veränderung erkennt, sodass Eindämmungsmaßnahmen ergriffen werden können.

Die Bewohner*innen von Bitterfeld nennen diese wasserreiche und konzentrierte Masse an chemischen Stoffen „die Blase“. Ein Mann, mit dem ich während meiner Zeit in Bitterfeld gesprochen habe, erzählte, dass er über dieser „Blase“ wohne und dass er (oder jede*r, der*die dort lebe) – wenn er weiter dort leben wolle –, gut aufpassen und die subtilen Bewegungen der „Blase“ genau beobachten müsse. Das sei notwendig, damit die chemischen Giftstoffe nicht aus der Eindämmung entwichen und in einen Keller eindrängen oder in die Mulde flössen. Der Bund und das Land Sachsen-Anhalt finanzieren diese Überwachungsmaßnahmen (7) ebenso wie die Instandhaltung der Grundwasseraufbereitungsanlagen in Bitterfeld, die verhindern, dass kontaminiertes Grundwasser in unbelastete Gebiete eindringt. Gleichzeitig verhindert ein Kanalsystem sowie die Sanierungsflutung der östlichen Gruben, dass das Wasser in Richtung Goitzsche fließt. In vielerlei Hinsicht scheint es sich bei der Fürsorge für den Bitterfelder Untergrund um nichts grundlegend anderes zu handeln, als um die banale Notwendigkeit, Trinkwasser, Licht oder Wärme zur Verfügung zu stellen; eine Angelegenheit der öffentlichen Daseinsvorsorge, die mit einem Budget von fünfzehn Millionen Euro pro Jahr auf Dauer aufrechterhalten werden muss.

In der Namensgebung wie auch in der zeichnerischen Darstellung (ein scharfkantiges Vieleck über bzw. unter einer Draufsicht von Bitterfeld), bietet die Figur der „Blase“ eine beruhigende und lokalisierte Vorstellung von Eingedämmtheit – wenn auch mit dem Hinweis auf eine Bedrohung: Blasen, die unter Druck stehen, können platzen. Die Grundwasserkontamination in Bitterfeld ist jedoch weder eingedämmt, noch droht sie explosionsartig aus der Eindämmung zu entweichen. Eine genauere Beschreibung wäre ein diffuser unterirdischer Kontaminationsverlauf, über relative Schwellenwerte hinweg, dessen unsichtbare Wechselwirkungen außerhalb jener Schwellenwerte und aller sichtbarer Bedenken bereits jenseits von Eindämmung und Kontrolle liegen. (8)

Das krebserregende Vinylchlorid, das im Stoffwechsel chemotropher Mikroben im Untergrund aus Trichlorethen (9) entsteht, wurde vor kurzem auch im Grundwasser außerhalb des als „Blase“ abgegrenzten Gebiets nachgewiesen. (10) Auch die Oberflächenkontamination breitet sich aus. Der als Pestizid eingesetzte, persistente organische Schadstoff Lindan, der in den 1980er Jahren direkt in die Mulde eingeleitet wurde und sich bei jedem Hochwasserereignis über die Böden ausbreitet, reichert sich in weidenden Hirschen und Wildschweinen an und wurde bis an die Nordsee nachgewiesen. Da der Silbersee – die nicht versiegelte Grube, die zur Deponie der Filmfabrik Wolfen wurde – durch den gehärteten Ligninschlamm unabsichtlich gegen den Grundwasserdurchfluss versiegelt wurde, eine Sanierung oder Beseitigung jedoch als zu teuer erachtet wird (wohin?), plante man kürzlich ein Projekt, bei dem die Grube mit Schlacke aus verbranntem Hausmüll aufgefüllt werden sollte. Aufgrund der relativ langsamen Hausmüllproduktion (es würde schätzungsweise 15 Jahre dauern, um die Grube zu füllen) und der Klimaerwärmung (die zu einer Geruchsbelästigung geführt hat) wurde das Projekt jedoch auf unbestimmte Zeit verschoben.

Im Zusammenspiel zwischen den menschlichen Veränderungen des Untergrunds und den nicht-menschlichen weltbildenden Aktivitäten, in den Gruben, im Boden, und transportiert durch die unterirdischen Fließwege und die Körper der Oberflächenorganismen, entstehen auf dem aufgefüllten und eingeebneten Gelände rund um Bitterfeld völlig neue und unbekannte Landschaften (11).

  • Schlamm im Silbersee. „Der Silbersee war das Sedimentbecken der Filmfabrik Wolfen. Der Schlamm besteht aus Rückständen der Zellulosefaserproduktion. Der Hauptbestandteil des Schlamms ist Lignin. Das Ausgangsmaterial für die Faserproduktion ist Buchenholz. Um Zellulose zu gewinnen, musste das Lignin, das für die Faserproduktion ungeeignet ist, abgesondert werden. Dazu wurde es in eine wasserlösliche Form überführt, die man in den Silbersee spülte. Dort bildete sich dann wieder festes Lignin und setzte sich als Schlamm ab. Die Oberfläche des Schlamms ist durch die Oxidation dunkel geworden. Der Spritzer unten links auf dem Bild wurde durch einen Steinwurf erzeugt, um die gelbe Farbe des Schlamms zu zeigen.“ ~FW © Fred Walkow
  • Schlamm Grube Greppin. „Die Grube Greppin, ein ehemaliger Tagebau, war das Sedimentbecken der Farbenfabrik Wolfen. Bis heute enthält die Grube eine große Anzahl unbekannter Rückstände aus der Farbenproduktion.“ ~FW © Fred Walkow
Ockerbildung (I) im Leinekanal. „Ocker ist ein Gemisch aus Eisenoxiden. Die Quelle des Ockers in Bitterfeld ist das Katzengold, chemische Bezeichnung Eisendisulfid Fe(II)S2. Katzengold entstand vor 30 Millionen Jahren zusammen mit Weichkohle in Sümpfen und ist ein natürlich vorkommender Bestandteil der tieferen Bodenschichten. Bei der Gewinnung von Braunkohle kommt das Katzengold mit Luftsauerstoff in Berührung und wird oxidiert. Das farblose Fe(II) wird von chemotrophen Bakterien in orangefarbenes Fe(III) umgewandelt. Diesen Prozess nutzten schon unseren Vorfahren in der Steinzeit zur Pigmentgewinnung.“ ~FW © Fred Walkow

Fred Walkow und ich betrachten eine Reihe von eng gerahmten Landschaftsfotografien, auf denen die meisten Flächen von einer orangefarbenen partikelförmigen Substanz überflutet sind. Fred Walkow erklärt mir, dass es sich bei dieser Substanz um roten Ocker handelt, der ebenfalls im mehr-als-menschlichen Zusammenspiel von Bergbau, mikrobiellen und hydrogeologischen Aktivitäten entstanden ist.

Er nennt die Szenen auf diesen Fotos „sichtbare Geochemie in Aktion“, und sie interessieren mich gerade deshalb, weil es sich dabei nicht um die plakativen Bilder des industriellen Niedergangs handelt – hoch aufgetürmte Industriehalden oder das großflächige Auslaufen chemischer Abwässer in eine zerstörte Landschaft –, die für das Bitterfeld der DDR-Zeit sinnbildlich geworden sind. (12) Auch diese Bilder sehen wir uns natürlich an – viele davon wurden nach der Wiedervereinigung in der nationalen und internationalen Presse veröffentlicht und trugen dazu bei, die Sanierungsbemühungen rasch in Gang zu bringen. (13) Damals in ihrer Spektakularität und Dringlichkeit unverzichtbar, könnten wir die schockierenden Szenen der Zerstörung heute jedoch als unvereinbar mit dem aufgefüllten und sanierten Gelände der Goitzsche betrachten, in das „ungezügelte[s] Leben und [unverfläschte] Natur“ (14) zurückgekehrt sind. In diesen zeitgenössischen Szenen erscheinen Landschaftsgestaltung und Sprache als Balsam; chemische Belastungen und unbequeme Geschichten werden unter der Oberfläche eines aufgefüllten und eingeebneten Bodens aus den Augen und aus dem Sinn verdrängt.

Die von den Befürworter*innen der Modernisierung propagierten Binaritäten von sichtbar/unsichtbar, freigelegt/verschüttet, unkontrolliert/kontrolliert, verseucht/sauber und vorher/nachher könnten uns zu der Annahme verleiten, dass (der größte Teil) der Umweltzerstörung, die Bitterfelds Landschaften zugefügt wurde, ein Ereignis der Vergangenheit ist; dass solche Schäden durch Sanierung rückgängig gemacht werden können und dass die techno-chemischen industriellen Methoden des 21. Jahrhunderts die Lösung für die Probleme sind, die die Industrie des 20. Jahrhunderts verursacht hat. Wie jedoch von anderen (15) in Bezug auf chemisch kontaminierte Standorte argumentiert wurde, unterstützt die visuelle Sanierung der Landschaft von Bitterfeld die modernistische Mythenbildung. Diese lenkt von der Dringlichkeit ab, überhaupt nach Alternativen zu kontaminierenden Praktiken zu suchen, und spricht die Industrie von der Verantwortung für ihr landschaftsschädigendes Vorgehen frei, während sie die Infrastrukturen für die Freisetzung von Gift und den daraus entstehenden Schaden aufrechterhält.

Mir wurde gesagt, dass es in Bitterfeld das Wort Chemiebewußtsein gibt; den Zustand, in einer Landschaft zu leben und zu arbeiten, die weiterhin durch Chemie gestaltet wird. Vielleicht bieten die mehrdeutigen Szenen der „sichtbaren Geochemie“ auf Fred Walkows Fotografien in diesem Sinne eine nützlichere Orientierung innerhalb der heutigen Landschaften Bitterfelds, da sie auf die ungewissen und unkalkulierbaren Risiken des unsichtbaren hydrogeochemischen Geschehens hinweisen, das die Lebensbedingungen in Bitterfeld und den dortigen Boden noch weit in der Zukunft prägen werden. Vielleicht kann die Beschäftigung mit den Formen dieser Visualität, die der Boden selbst hervorbringt (in diesem Fall der rote Ocker), unsere Abhängigkeit von hegemonialen Formen der Visualisierung von Landschaften stören und dadurch die Möglichkeit der Untersuchung, der Vorstellbarkeit und der Zurechenbarkeit dessen eröffnen, was erforderlich ist, um mit und in solchen geschädigten Landschaften zu leben und zu arbeiten – insbesondere wenn die Möglichkeit des Lebens an sich, auf dem Spiel steht.

Lili Carr (sie/ihr) ist Architektin und befindet sich gerade in einer Ausbildung zur Landschaftsarchitektin. Zu den kürzlich veröffentlichten Projekten gehören Vegetation under Power, kuratiert als Teil des Bauhaus Lab 2021 in der Stiftung Bauhaus Dessau in Sachsen-Anhalt, und Feral Atlas (Stanford University Press, 2020), als Teil des Feral Atlas Collective. Ihre jüngsten Texten wurden in PerspectaKerb JournalThe Architectural ReviewMaking Matters (Verlag, 2021) und Vegetation under Power (Spector Books, 2022) veröffentlicht.

Endnoten

1 Dank an die Stiftung Bauhaus Dessau und das Bauhaus Lab 2021.
2 Im Archiv des Kreismuseums Bitterfeld befindet sich eine fotografische Dokumentation verschiedener Wälder, die das geografische Gebiet der Goitzsche bevölkert haben, von einer Fotoserie über den Holzeinschlag in der Goitzsche (unbekannter Fotograf, Eiche 200 Jahre alt, die große Eiche der Goitzsche, 1936) bis zu einer Fotoserie von ca. 8000 Jahre alten Mooreichen, die bei Bergbauarbeiten in der Goitzsche gefunden wurden (D. Brandt, Fund und Bergung der Mooreichen ca. 8000 Jahre alt, Tagebau Goitzsche, 1976).
3 Anna L. Tsing, „When the Things We Study Respond to Each Other“, in More-than-Human, Hrsg. Andrés Jaque et. al (Rotterdam: Het Nieuwe Instituut, 2020), S. 16-26, S. 23.
4 Dies ist ein allzu knapper Überblick aus zweiter Hand über die komplexe Industriegeschichte Bitterfelds. Es gibt zahlreiche Bücher und Aufsätze mit ausführlicheren Darstellungen. Dies ist eine Adaption von Reiner Stollberg, „Groundwater Contaminant Source Zone Identification at an Industrial and Abandoned Mining Site: A Forensic Backward-In-Time Modelling Approach“, (Dissertation, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, 2013). Siehe auch Sandra Chaney, „A chemical landscape transformed: Bitterfeld, Deutschland since 1980“, Global Environment Vol. 10, Issue 1 (2017): S. 137-167.
5 Das Umweltrahmengesetz und das Hemmnisbeseitigungsgesetz wurden im Juni 1990 erlassen, um Investor*innen und Eigentümer*innen von kontaminierten Grundstücken von den Risiken von Altlasten, die vor dem 1. Juli 1990 verursacht wurden, zu „befreien“. Siehe   „Landesanstalt für Altlastenfreistellung“, Landesanstalt für Altlastenfreistellung des Landes Sachsen-Anhalt (LAF), Aufgerufen am 14. November 2022.
6 F. Walkow erklärt, dass selbst Chemiker*innen die Besonderheiten der im Boden ablaufenden Reaktionswege kaum kennen: „Wenn man chemische Verbindungen in die Umwelt freisetzt, setzt man eine Kaskade von chemischen Reaktionen in Gang, bis sie in die thermodynamisch stabilsten Endprodukte umgewandelt werden – ohne zu wissen, welche Zwischenprodukte dabei entstehen und wie diese mit der Umwelt interagieren. Die Reaktionen in lebenden Organismen unterscheiden sich oft stark von denen in einem Reaktionsgefäß und führen zu Verbindungen, die vom Menschen nie industriell hergestellt werden.“
7 Von der LAF verwaltete Arbeiten.
8 Siehe Anna L. Tsing, Jennifer Deger, Alder Keleman Saxena und Feifei Zhou,   Feral Atlas: The More-Than-Human Anthropocene (Redwood City: Stanford University Press, 2021).
9 F. Walkow erklärt: „Vinylchlorid ist das Ausgangsprodukt für Polyvinylchlorid (PVC), den ersten vom Menschen hergestellten polymeren Werkstoff. Im Grundwasser von Bitterfeld entsteht Vinylchlorid durch zweifache mikrobiologische Hydrodechlorierung von Trichlorethen, einem Chlorkohlenwasserstoff, der als Tri bezeichnet wird. Tri ist ein flüssiges Ethanderivat mit drei Chloratomen, das als Entfettungsmittel für Maschinen und Kleidung in der chemischen Reinigung verwendet wird. Tri ist im Grundwasser der gesamten westlichen Welt weit verbreitet.“
10 „Ergebnisbericht zum Grund- und Oberflächenwassermonitoring im ÖGP Bitterfeld-Wolfen für das Berichtsjahr 2017“, Im Auftrag der Landesanstalt für Altlastenfreistellung Sachsen-Anhalt, unveröff. Bericht, 26.04.2019, über eine Informationsfreiheitsanfrage beim LAF.
11 Darüber habe ich an anderer Stelle geschrieben. Siehe Stiftung Bauhaus Dessau, Bauhaus Taschenbuch 26: Vegetation unter Strom, Wärme! Atmen! Wachstum! (Leipzig: Spector Books, 2022).
12 Siehe Sabine Adler,   „Giftiges Erbe in Bitterfeld-Wolfen“, Deutschlandfunk, 8. April 2019, siehe auch Christiane Kohl,   „Die Leute werden dun im Kopf“, Der Spiegel, 7. Januar 1990.
13 So zum Beispiel die Bitterfelder Umweltkonferenz 1992. Siehe Fred Walkow et. al, Bitterfeld: Modellhafte ökologische Bestandsaufnahme einer kontaminierten Industrieregion – Beiträge der 1. Bitterfelder Umweltkonferenz (Berlin: Erich Schmidt Verlag GmbH & Co, 1992).
14 Siehe „Goitzsche-Wildnis“,   BUND: Friends of the Earth Germany, aufgerufen am 14. November 2022.
15 Nicholas Shapiro und Eben Kirksey, „Chemo-Ethnography: An Introduction“, Cultural Anthropology 32, no. 4 (2017): S. 481-493.