Text | Gespräch | Musikfest Berlin 2026
Mit Monteverdi auf der Schulter
Enno Poppe im Gespräch

Enno Poppes neues Stück für die Sopranistin Anna Prohaska und das Hamburger Ensemble Resonanz trägt den Titel Kreis. Wie bei einem „Schaltkreis“ wird darin der Farbenreichtum der barocken Stimmungssysteme mit einer Gegenwart verdrahtet, in der die Musik Monteverdis und Frescobaldis ganz selbstverständlich weiterlebt. Welcher Reiz in der Vertonung der Miniaturgedichte von Angelus Silesius aus dem 17. Jahrhundert liegt und was ein mikrotonales Continuo ist, darüber hat Martina Seeber mit dem Komponisten und Dirigenten Enno Poppe gesprochen.
Martina Seeber: Seit 2004 komponieren sie immer wieder für Gesang und setzen diese Arbeit hier fort. Was fasziniert Sie an der Stimme?
Enno Poppe: Die Stimme ist ein fantastisches Instrument. Anders als bei „normalen“ Musikinstrumenten entdeckt man ständig etwas, das sich neu anfühlt oder was Komponist*innen bislang noch nicht angefasst haben. Es gibt weltweit und über die Jahrhunderte hinweg so viele Arten zu singen, so verschiedene technische und stilistische Möglichkeiten. Ich möchte mit dieser Vielfalt arbeiten, und dabei entstehen sehr unterschiedliche Stücke, weil auch die menschlichen Stimmen und Sängerpersönlichkeiten so verschieden sind.
Martina Seeber: Was zeichnet die Zusammenarbeit mit Anna Prohaska aus?
Enno Poppe: Sie hat eine wunderbare Stimme und singt sehr viel Barockmusik. Kaum jemand kann die Arien von Henry Purcell schöner interpretieren. Außerdem ist es ihr ein echtes Anliegen, Alte Musik mit Neuer Musik zu verbinden. Das Ensemble Resonanz vertritt dieselbe Praxis, und weil dieses neue Werk ein Kompositionsauftrag für Anna Prohaska und das Ensemble Resonanz ist, war die Verbindung von Barock und Gegenwart mein Ausgangspunkt. Ich wollte mich aber schon lange mit Alter Musik beschäftigen und dabei nicht nur das historische Instrumentarium einsetzen, sondern auch mit der Gesangspraxis arbeiten. Im Barock gibt es Verzierungen, die es bei Schubert oder Wagner so nicht gibt. Mich interessiert das sehr, und ich habe hier viel Neues ausprobiert.

Martina Seeber: Haben Sie sich dafür in konkrete Werke oder das Schaffen bestimmter Barockkomponisten vertieft?
Enno Poppe: Ich habe mir vor allem angehört, wie Anna Prohaska singt. Das hat mich inspiriert. Ihr Gesang ist melodiös, einfach und anrührend. Das ist eine wunderbare Mischung. Gleichzeitig gestaltet sie äußerst bewusst. Ihre Interpretationen sind sehr komplex; man kann sie auf unterschiedlichen Ebenen hören. Man kann sich zurücklehnen und sie einfach schön finden, oder man kann ganz nah herankommen und hören, was sie mit den Farben machen kann.
Zugleich habe ich unheimlich viel Frescobaldi und Monteverdi gehört. Beide gehören ohnehin zu meinen Lieblingskomponisten.
Martina Seeber: Zu Claudio Monteverdis Zeit hat man begonnen, über einer Basslinie als harmonischer Grundlage zu komponieren. Dieser Basso continuo wurde von einem Instrument oder von einer kleinen Gruppe von Instrumenten ausgeführt. Warum ist in Kreis neben den Streichern ein mikrotonales Basso continuo vorgesehen?
Enno Poppe: Ich hatte schon vor 30 Jahren die Idee, für Basso continuo zu schreiben, es aber nie realisiert. In der Alten Musik ist man es gewohnt, mit unterschiedlichen Stimmtönen zu arbeiten, je nachdem, in welchem Ensemble oder mit welcher Orgel man spielt. Barockmusiker*innen sind total flexibel, anders als ein modernes Orchester, das schon bei kleinen Abweichungen irritiert ist. In der Alten Musik ist so etwas normal. Ich wollte schon lange ein Stück mit verschiedenen Continuo-Gruppen und verschiedenen Continuo-Instrumenten komponieren. In Kreis sind die Streicher in drei Gruppen geteilt, zu denen jeweils ein Continuo-Instrument gehört: ein Cembalo, eine Harfe und ein Chitarrone, was dasselbe ist wie eine Theorbe. Diese drei Instrumente sind jeweils um einen Sechstelton gegeneinander verstimmt. Wenn ich sie kombiniere, erhalte ich nicht 12, sondern in der Summe 36 unterschiedliche Töne pro Oktave. Auf dieser Basis kann ich großartige neue Akkorde finden und eine Harmonik bauen. Ich habe mich dafür auf eine Reise begeben und musste mich auch selbst erstmal orientieren, was es in diesem Zusammenhang bedeutet, „falsch“ und „richtig“ zu intonieren. Bei den Instrumenten, bei der Stimme und beim Text gehe ich vom 17. Jahrhundert aus, also noch ein Jahrhundert vor der Zeit Johann Sebastian Bachs. Von dort aus verästelt und bewegt sich das Stück dann aber in alle möglichen Richtungen.
Martina Seeber: Sind die drei Continuo-Gruppen auf der Bühne räumlich getrennt?
Enno Poppe: Sie spielen jeweils links, rechts und in der Mitte, aber nicht zu weit voneinander entfernt, weil sie aufeinander hören müssen. Die entsprechenden Streichinstrumente haben ihren Bezugston immer im dem zugeordneten Continuo-Instrument, das in ihrer Nähe spielt. Die Streicher sind aber normal gestimmt, weil sie ohnehin Mikrointervalle intonieren können.
Martina Seeber: Welche Rolle spielt dann die Solistin vor diesem komplexen Hintergrund?
Enno Poppe: Anna Prohaska hat schon Respekt vor dieser Situation geäußert, weil sie ja unentwegt entscheiden muss, an welchem Ton sie sich orientiert. Mir ist hier wichtig, dass sich die Solostimme über allem bewegt. Ein Zupfinstrument wie der Chitarrone ist ja sehr zart und kann nicht laut spielen. Außerdem hat die Singstimme keine Melodien mit Mikrotönen, was intonatorisch kaum möglich wäre. Was mich aber schon seit Jahren beschäftigt und womit ich auch hier arbeite, ist das Glissando. Wenn sie glissandiert, also gleitet, kann sich die Stimme zwischen den verschiedenen Continuo-Gruppen hin und her bewegen. Sie bleibt immer in Bewegung. Ich habe in der Hinsicht viel von außereuropäischer Musik gelernt. Aber auch wenn man Aufnahmen von Maria Callas hört, merkt man, dass sie eigentlich unentwegt Glissandi singt. Jeder einzelne Ton ist in Bewegung.
Martina Seeber: Bei ihr ist es aber ein Mittel der Interpretation, nicht der Komposition.
Enno Poppe: Ja, aber das ist etwas, das ich übertrage. Ich arbeite damit und kann beim Glissandieren zwischen den mikrotonalen Akkorden hin- und hermorphen. Übrigens wird nicht nur Anna Prohaska, sondern auch das ganze Ensemble irgendwann singen.

Martina Seeber: Sie vertonen Sprüche des barocken Autors, Theologen und Arztes Angelus Silesius. Was hat Sie an den Sprüchen aus dem Cherubinischen Wandersmann gereizt? Es gibt dort Verse wie: „Jch weiß nicht was ich sol! Es ist mir alles Ein / Orth / Unorth / Ewigkeit / Zeit / Nacht / Tag / Freud / und Pein“
Enno Poppe: Die meisten Barockgedichte, die ich kenne, sind sehr lang und heute wenig zeitgemäß. Die Epigramme von Silesius sind vor allem unheimlich schön, so klar, in ihrer Kürze manchmal verwirrend und zugleich großartig. Und dann beziehen sich manche Sprüche wie in einer Variationenfolge aufeinander. Einmal schreibt er „Du selber bist die Welt“, in einem anderen „du selber bist das Rad“. Ich habe das Gefühl, dass das eine Gedicht in das andere übergeht. Vieles ist sehr christlich, aber Angelus Silesius war eigentlich fast ein Häretiker. Es gibt Gedichte, die im Grunde blasphemisch sind, weil sie das Ich und nicht Gott in den Mittelpunkt stellen. Das war im Barock nicht „state of the art“, sondern sehr ungewöhnlich. Und schließlich hat er einfach schöne Texte gedichtet: „Die Ros’ ist ohn warumb / sie blühet weil sie blühet / Sie achtt nicht jhrer selbst / fragt nicht ob man sie sihet“. Das hätte man heute auch schreiben können, oder?
Martina Seeber: Entsteht mit Kreis eine Folge von Miniaturen oder eine große Form?
Enno Poppe: Es gibt eine große Form. Vier Teile mit Gesang und vier rein instrumentale Teile schließen aneinander an. Die ersten vertonten Gedichte sind klar voneinander getrennt, später werden die Abstände kleiner und die Texte gehen ineinander über.
Martina Seeber: Und welche Rolle hat nun Claudio Monteverdi gespielt?
Enno Poppe: Monteverdi ist die Basis. Für mich ist er einer der wichtigsten Komponisten überhaupt. Er ist immer mit dabei, er schaut mir bei der Arbeit quasi über die Schulter. Und allein der Klang des Chitarrone: Wenn ich das Instrument mit diesen fantastischen Basssaiten höre, denke ich sofort an Monteverdi. Bei Bach gibt es das so schon nicht mehr. Es ist ein Instrument, das wirklich ins 17. Jahrhundert gehört.
Martina Seeber: Wenn ein bewunderter Komponist wie Monteverdi gleichsam auf der Schulter hockt und mithört, ist das nicht auch ein Hemmnis?
Enno Poppe: Mir macht das einfach Spaß. Die Vorstellung hemmt mich nicht. Ich sehe dann einfach zu, dass ich mich anstrenge. Ich zitiere auch nichts, auf meinem Schreibtisch liegt keine alte Partitur, wenn ich arbeite. Claudio Monteverdis Musik klingt in meinem Kopf, und da ist sie schon seit Jahren.