Text | Essay | Berliner Festspiele 2026
75 Jahre Freiheit versuchen
Noch eine kurze Geschichte der Berliner Festspiele

Vor 75 Jahren wurde der Kulturkampf in Berlin noch in offenen Straßenschlachten ausgetragen. Im August 1951 richtete die Freie Deutsche Jugend (FDJ) im sowjetischen Sektor der Stadt die dritte Ausgabe der Weltfestspiele der Jugend und Studenten aus.
Allerdings war sie nicht imstande, die weit über zwei Millionen Besucher*innen aus dem In- und Ausland ausreichend zu versorgen, sodass Ernst Reuter, der Regierende Bürgermeister von Westberlin, provisorische Suppenküchen für Zehntausende einrichten und zudem hunderttausende Bücher und Tickets für Theater- und Kinobesuche in den westlichen Sektoren an die linken Jugendlichen verteilen ließ. Das erregte in der DDR großen Unmut, die Parteiführung zürnte dem damaligen FDJ-Vorsitzenden Erich Honecker, sodass dieser am 15. August mehrere Agitationstrupps nach Westberlin schickte. Formationen von jeweils bis zu 10.000 uniformierten FDJer*innen marschierten durch Wedding, Kreuzberg und Neukölln, skandierten Sprechchöre, verteilten Flugblätter und lieferten sich Straßenkämpfe mit der Polizei. Die knüppelte fast eintausend Jugendliche brutal nieder, wobei auch elf Polizisten verletzt wurden. Zuvor hatte der hessische Innenminister jegliche Werbung für die Weltfestspiele für verfassungsfeindlich erklärt und verboten; zahlreiche westliche Gäste waren an der Anreise aus der oder durch die BRD gehindert worden.
Doch nicht nur mit Suppe und Freikarten wollte der Westen damals in Berlin seine kulturelle wie materielle Überlegenheit unter Beweis stellen. Nach-dem im Jahr zuvor vom amerikanischen Auslandsgeheimdienst CIA die Gründung eines Kongresses der antikommunistischen Linken, der „Congress for Cultural Freedom“ (CCF), befördert worden war, initiierten und finanzierten die Westalliierten 1951 vor und nach den stalinistischen Weltjugendspielen erstmals zwei neue Kulturfestivals als „Schaufenster des Westens“: die Internationalen Filmfestspiele Berlin im Juni und die Berliner Festwochen im September. Gegen Weltfestspiele-Stars wie Pablo Neruda, Jorge Amado, Ilja Ehrenburg oder die sowjetische Primaballerina Galina Ulanowa wurden bei den ersten, bald darauf als „Berlinale“ bezeichneten Filmfestspielen – bei denen „sozialistische Filme“ freilich explizit nicht zugelassen waren – Alfred Hitchcock und Juliette Gréco aufgeboten; Walt Disneys Cinderella gewann den Publikumspreis sowie einen Goldenen Bären. In der Waldbühne fanden Filmvorführungen für jeweils bis zu 25.000 Zuschauer*innen statt. Zum ersten Festivalleiter ernannten die Amerikaner den ehemaligen Referenten der Reichsfilmkammer Alfred Bauer, obwohl dessen NS-Vergangenheit schon damals bekannt war und vereinzelt auch Proteste hervorrief. Doch im Westen wurde damals auf allen Gebieten „praktisch“ gedacht, und es fanden sich auch im Kulturbereich offenbar kaum Führungskräfte, die zugleich erfahren und unbelastet waren.
Erste Leiter der Berliner Festwochen wurden Heinz Tietjen und Gerhart von Westerman. Tietjen war ein seit Jahrzehnten renommierter Dirigent, Theater-und Opernintendant, den Hermann Göring 1936 neben Gustaf Gründgens zum Preußischen Staatsrat ernannt hatte und Winifred Wagner bereits zwei Jahre zuvor zum künstlerischen Ko-Leiter der Bayreuther Festspiele; er gilt heute als Exponent und wichtige Stütze der nationalsozialistischen Kulturpolitik. Westerman war in der Nazizeit (und ab 1952 wieder) Intendant der Berliner Philharmoniker, welche sich 1933 als „Reichsorchester“ Propagandaminister Joseph Goebbels unterstellt hatten und im Rahmen ihrer Gleichschaltung die neu geschaffene Position eines Intendanten dulden mussten, der die Gefügigkeit der Orchesterverwaltung gegenüber der NS-Bürokratie sicherstellen sollte. Nun eröffneten die Philharmoniker am 5. September 1951 im Schiller-Theater die ersten Berliner Festwochen, dirigiert von Wilhelm Furtwängler. Sie spielten Beethovens Neunte Sinfonie mit Schillers Ode An die Freude im vierten Satz – ein beliebtes Konzertprogramm, das so allerdings auch zum Führergeburtstag im April 1942 erklungen war, was dazu beigetragen hatte, dass Furtwängler nach dem Krieg viel Kritik und zunächst auch ein Auftrittsverbot erhielt. Zu den weiteren 250 Tanz- und Theateraufführungen, Sportveranstaltungen, Konzerten und Kunst-ausstellungen der ersten Berliner Festwochen kamen im September 1951 über 150.000 Besucher*innen – davon zwei Drittel allein zum „Tag der Sensationen“ im Olympiastadion, der als Monstre-Varieté firmierte.
Fahnen der Freiheit
Über dem derart mit Festivals, Kunst- und Kulturprogrammen ausgetragenen Wettkampf der Systeme wehten stets die Fahnen der Freiheit. Freiheit von kapitalistischer Ausbeutung auf der einen, Freiheit von kommunistischer Unterdrückung auf der anderen Seite. Auf der Habenseite konkurrierten zwei positive Freiheitsbegriffe miteinander: Einerseits das Ideal individualistischer Selbstverwirklichung in einer per se zwar chancenungleichen, aber möglichst liberal, welt-und ergebnisoffen eingestellten Konsumgesellschaft. Andererseits das staatlich verordnete Ziel der Überwindung individueller Glücks- und Erfolgsversprechen zugunsten der kollektiven Entwicklung einer solidarischen Gesellschaft gleicher, „neuer“ Menschen.
Beide Gesellschaftsmodelle waren einigermaßen abstrakt, weil der Anspruch der ihnen zugrunde liegenden Menschenbilder und die Wirklichkeit, also die Alltagserfahrung der meisten Bürger*innen, weit auseinanderfielen. Das brachte der Theaterregisseur Frank Castorf mal folgendermaßen auf den Punkt: Im Osten habe man nichts gegen die Regierung sagen, aber nach Herzenslust auf seinen Chef schimpfen dürfen, im Westen wäre es gerade umgekehrt. Kunst und Kultur wurde in beiden deutschen Staaten ein besonderer Stellenwert aufgrund der Annahme eingeräumt, dass sich die individuellen Potenziale und gesellschaftlichen Möglichkeiten in den verschiedenen Künsten oder durch Kulturveranstaltungen simulieren, ausloten und exemplarisch antizipieren, ja vorab emotional erlebbar machen lassen.
Dass dabei im Osten des Landes auf staatliche Lenkung, Ausgrenzung und offene Zensur gesetzt wurde, während in Westdeutschland uneingeschränkte Kunstfreiheit Verfassungsrang genoss, und auch unberechenbare, oppositionelle, staatskritische oder sogar -feindliche Kunst gefördert werden konnte und sollte, war natürlich ein gravierender Unterschied, am Ende vielleicht sogar der spielentscheidende. Als die Weltfestspiele der Jugend und Studenten 1973 das zweite Mal in Ostberlin stattfanden, diesmal mit Angela Davis, Miriam Makeba, Jassir Arafat und Franz Josef Degenhardt, war Honecker vom einstigen FDJ-Vorsitzenden zum Ersten Sekretär des Zentralkomitees der SED avanciert. Für die acht Millionen Besucher*innen war es aufgrund der mittlerweile errichteten Mauer kaum mehr möglich, kulinarische oder kulturelle Westausflüge zu unternehmen. Die Staatsicherheit hatte darüber hinaus jegliche Partei- und Sozialismuskritik von vornherein durch gründliche Infiltrierung und Überwachung der Kulturszene zu verhindern gewusst. 3.500 Menschen wurden im Vorfeld verhaftet, aus der Stadt geschafft oder in die Psychiatrie eingewiesen. Drei Jahre später kam es zur Ausbürgerung des Künstlers Wolf Biermann aus der DDR. Die Erfurter Künstlerin Gabriele Stötzer, deren Werke der Gropius Bau ab Mitte Juni in einer großen Ausstellung präsentiert und die für die Berliner Festspiele das Jubiläumsplakat unter dem Titel „Brückenbegegnung“ gestaltet hat, wurde 1976 im Zusammenhang mit einer Unterschriftenaktion gegen Biermanns Ausbürgerung wegen „Staatsverleumdung“ festgenommen und zu einem Jahr Haft im Frauengefängnis Hoheneck verurteilt.
Brücken zur Freiheit
Dass aber politische Instrumentalisierung und Einflussnahme, ja sogar heimliche Steuerungsversuche auch in den Kulturinstitutionen in Westberlin lange fortbestanden und dabei die Kunst- und Meinungsfreiheit entsprechend unterhöhlten, ist die Kehrseite ihrer Schaufensterfunktion. Vierter Intendant der Berliner Festwochen wurde 1964 der Komponist Nicolas Nabokov, der zugleich Generalsekretär des CCF war und die Berliner Jazztage (das spätere Jazzfest Berlin) initiierte – Jazz galt der CIA als wichtiger kultureller Botschafter der freien Welt und Musiker wie Louis Armstrong, Dizzy Gillespie oder Dave Brubeck tourten für das U.S. State Department als „Jazz Ambassadors“ um die Welt. Damals schlug auch die Geburtsstunde des Theatertreffens (anfangs hieß es Berliner Theaterwettbewerb), zu dessen dritter Ausgabe 1966 mit dem Deutschen Theater (Der Drache von Jewgeni Schwarz in der Regie von Benno Besson) und dem Berliner Ensemble (Brechts Coriolan-Bearbeitung in der Regie von Manfred Wekwerth und Joachim Tenschert) erstmals auch zwei DDR-Bühnen eingeladen wurden – auftreten konnten die beiden Ensembles in Westberlin freilich nicht.
Doch von Nabokov heißt es auch, dass es ihn vorzeitig den Job kostete, als er mit der 1967 als Berliner Festspiele GmbH neugegründeten Dachorganisation von Festwochen, Berlinale, Jazztagen und Theatertreffen – die der Westberliner Senat und die Bundesregierung zu gleichen Teilen finanzierten – ein neues internationales Festivalformat für die Begegnung von Künstler*innen aus dem Ostblock und dem „Freien Westen“ auf den Weg bringen wollte. Ihm folgte als Intendant ein Fernsehmoderator vom ZDF nach, der Redaktionsleiter des damals noch recht konservativen Kulturmagazins aspekte, Walther Schmieding.
Der Berlinale hingegen, noch immer unter der künstlerischen Leitung Bauers, drohte 1970 das Aus angesichts der heftigen Proteste gegen die Absetzung des als „antiamerikanisch“ gewerteten Vietnamkriegsfilms o.k. von Michael Verhoeven: Das Wettbewerbsprogramm wurde abgebrochen, die internationale Jury trat zurück (auch Schmieding bot seinen Rücktritt an) und die Zukunft des Festivals konnte im Folgejahr nur durch die Gründung eines unabhängigen „Internationalen Forums des jungen Films“ gerettet werden, in dem fortan weniger kommerzielle oder allzu kapitalismuskritische Filme außer Konkurrenz und in einer sozusagen nichtstaatlichen Sektion liefen. Unter der Leitung von Erika und Ulrich Gregor entwickelte sich das Forum zur entscheidenden Talentförder-schmiede der Berlinale, die unter anderem die Erstlingswerke und frühen Filme von Jacques Rivette, Chantal Akerman, Jim Jarmusch, Béla Tarr, Theo Angelopoulos, Wong Kar-Wai, Ulrike Ottinger oder Aki Kaurismäki zeigte.
Freiheit gestalten
1973 übernahm der vormalige Bonner Kulturreferent Ulrich Eckhardt die Intendanz der Berliner Festspiele. Mit ihm und seiner 27-jährigen Amtszeit verbindet sich die bislang wirkungsvollste Phase in der Geschichte der Institution und ihrer Öffnung. Sie ist mit der bundesdeutschen Entspannungspolitik gegenüber der DDR und den anderen Staaten des Warschauer Pakts ebenso verknüpft wie mit ästhetischen Aufbrüchen und neuen Avantgarden in New York und den osteuropäischen Metropolen, mit „Kultur für alle“ ebenso wie mit der Etablierung von Neuer Musik und außereuropäischer Kunst in einer breiteren westlichen Öffentlichkeit. Eckhardt war nicht nur ein mutiger und neugieriger Kurator und Kunstförderer, sondern bald auch Berlins umtriebigster und erfolgreichster Kulturpolitiker, ein regelrechter Stadtkulturplaner im beständigen Austausch mit den entscheidenden Player*innen auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs sowie mit zahlreichen Kooperationspartnern. Das verschaffte den Berliner Festspielen große Gestaltungsräume und gab dem institutionellen Begriff von der Freiheit der Kunst eine neue, ebenso machtvolle wie schöpferische Dimension.
„Unter den deutschen Städten ist Berlin eine Werkstatt zur Untersuchung des Überlieferten und zur Entwicklung des Kommenden“, war Eckhardt überzeugt. Er setzte deshalb große Themen insbesondere mit Kunst- und kulturhistorischen Ausstellungen, wozu er alljährlich passende kooperative Programme und Projektideen in interdisziplinären und häuserübergreifenden Workshops entwickelte. Mit der Akademie der Künste und deren „Sekretär“ für Musik und Darstellende Kunst, Nele Hertling, öffnete er während seiner ersten Amtsjahre Berlin für neue Formen des inter-nationalen Tanzes und der Performancekunst (damals „Pantomime“ genannt), wobei beide durchaus an die von den Nazis gewaltvoll abgebrochenen Vorkriegstraditionen – etwa des Ausdruckstanzes – anknüpften. Mit dem Kurator und Ausstellungsmacher Gereon Sievernich veranstaltete Eckhardt Horizonte-Festivals der Weltkulturen in der alten Kongresshalle, nach deren Einsturz und Wiederaufbau er später entscheidend dazu beitrug, dass sich hier das Haus der Kulturen der Welt (HKW) verstetigen konnte. Zu einem weiteren Schwerpunkt der Berliner Festspiele entwickelten sich Kunst, Theater und Musik aus Mittel- und Osteuropa, vor allem aus den Ländern, die damals noch Teilrepubliken der Sowjetunion waren.
Als Beauftragter des Senats für die 750-Jahr-Feier Berlins 1987 trieb Eckhardt die Eröffnung des Kammermusiksaals der Philharmonie ebenso voran wie – gemeinsam mit Andreas Nachama und Reinhard Rürup – die Ausstellung Topographie des Terrors (später als Stiftung und permanentes Dokumentationszentrum) auf dem Gelände des ehemaligen Gestapo-Hauptquartiers neben dem Martin-Gropius-Bau, in dem er seit der Wiedereröffnung 1981 zentrale Aus-stellungen realisieren konnte (Preußen – Versuch einer Bilanz; Jüdische Lebenswelten; Berlin – Moskau / Moskau – Berlin 1950 – 2000). Auch den Hamburger Bahnhof nahm er als neuen Ausstellungsort in Betrieb, bespielte den Großen Stern mit großformatigen Musiktheaterspektakeln und die Wasserstraßen Ost- und Westberlins mit nicht enden wollenden Schiffsparaden.
Wenn der Regierende Bürgermeister von Westberlin wissen wollte, was „die im Osten“ gerade so aushecken, rief er Eckhardt an. Für den „Regierenden“ selbst galt nämlich ein Sprechverbot mit dem Ostberliner Magistrat, Eckhardt verhandelte für ihn alles Notwendige. Auch die DDR-Theater durften schließ-lich, nachdem man sie 20 Jahre lang bei der Auswahl unberücksichtigt gelassen hatte, im Mai 1989 mit Heiner Müllers Lohndrücker und Volker Brauns Übergangsgesellschaft (in der Regie von Thomas Langhoff) zum Theatertreffen nach Westberlin kommen. So wurden die Festspiele von der einstigen Frontinstitution des Kalten Krieges zur großen kulturellen Brückenbauerin – was entscheidend dazu beigetragen haben dürfte, dass die Wiedervereinigung 1990 für sie nicht bedeutete: mission accomplished, sondern dass sie weiterarbeiten und sich zu der internationalen Begegnungsstätte der Künste entwickeln konnten, als die sie bis heute gelten.
Torsten Maß und Francesca Spinazzi, die beide bis 2000 unter Eckhardt jeweils viele (und insbesondere die Theater-) Programme der Festspiele verantworteten, wählten einige Jahre später als Motto für die von ihnen geleitete Ausgabe des Festivals Theater der Welt in Halle an der Saale die erste Zeile der Elegie Der Gang aufs Land von Friedrich Hölderlin: „Komm! ins Offene, Freund!“ Auch das letzte Drittel der bis-lang 75-jährigen Freiheitsgeschichte der Berliner Festspiele könnte diese Überschrift tragen. Nachdem es Eckhardt erfolgreich gelungen war, sie ins wiedervereinigte Deutschland der 1990er-Jahre hinüberzuretten, gingen die Festspiele 2002 vollständig in die Trägerschaft des Bundes über und wurden gemeinsam mit Berlinale und HKW als „Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH“ neu verfasst. Die seitdem ganzjährige Bespielung des zum Festspielhaus umgewandelten Theaters der Freien Volksbühne
in Wilmersdorf sowie des Martin-Gropius-Baus als permanentes Ausstellungshaus der Festspiele hat die aktuellen Strukturen und Kontinuitäten der Institution profiliert.
Joachim Sartorius und Thomas Oberender leiteten die Festspiele jeweils zehn Jahre lang, differenzierten sie ästhetisch aus und öffneten sie für neue künstlerische Formate und Arbeitsweisen. Aus den Festwochen gingen das Musikfest Berlin und die spielzeit’europa (später das Festival Foreign Affairs und die Performing Arts Season) hervor, aus der ehemaligen Ostberliner Biennale für zeitgenössische Musik, die nach der Wende mitsamt ihrer Leiterinnen Heike Hofmann und Ilse Müller in die Struktur der Festspiele integriert wurde, das Festival MaerzMusik. Das Theatertreffen und das Jazzfest Berlin haben gerade durch ihre stetigen Häutungen, Selbstbefragungen und -erneuerungen ihre unangefochtene Position in der Festivalwelt halten können – und Jugendliche aus ganz Deutschland bewerben sich über das Jahr verteilt für vier verschiedene Jugendfestivals – die Treffen junge Szene. Gesellschaftspolitische Fragestellungen und Verortungen in der Geschichte der Stadt, des Landes und der Welt spielten stets eine zentrale Rolle in der Programmatik der Festspiele, sei es bei den Berliner Lektionen, bei der spielerisch-diskursiven Rekonstruktion des Palasts der Republik oder der temporären künstlerischen Wiederbelebung des Internationalen Congress Centrums Berlin (ICC) – oder in den vergangenen drei Jahren unter meiner Leitung mit den Themen-tagen Reflexe & Reflexionen, dem Festival Performing Exiles und Radical Playgrounds am Gropius Bau.
Freiheit aushalten
Nur die Sache mit der Freiheit bleibt suspekt. Als Mutprobe, als Selbsttäuschung, als Kulturkampf, je nach dem und wem. Wenn wir eher elementar ansetzen, bemisst sie sich nach unserer Widerstandskraft. Was können wir aushalten, ertragen, tolerieren oder sogar akzeptieren? Als einzelner Mensch, als Gesellschaft, als (Kultur-) Institution, als Staat. „Wolf Biermann war und ist ein unbequemer Dichter. Das hat er mit vielen Dichtern unserer Vergangenheit gemein“, so die zwölf DDR-Schriftsteller*innen um Stephan Hermlin in ihrem Protestschreiben gegen die Ausbürgerung Biermanns 1976. „Unser sozialistischer Staat, eingedenk des Wortes aus Marxens 18. Brumaire, demzufolge die proletarische Revolution sich unablässig selbst kritisiere, müsste im Gegensatz zu anachronistischen Gesellschaftsformen eine solche Unbequemlichkeit gelassen nachdenkend ertragen können.“ Und Meron Mendel, der gemeinsam mit Saba-Nur Cheema seit drei Jahren Reflexe & Reflexionen kuratiert, schüttelte nur ungläubig den Kopf, als wir den beiden 2024 bei den Vorbereitungen zur ersten Ausgabe unter dem Titel Der 7. Oktober, der Gazakrieg und die Debatte in Deutschland unsere Deeskalationspläne, Sicherheitsvorkehrungen und Awarenesskonzepte gegen mögliche Proteste oder Störungen vorstellten.
Und fragte: „Seit wann haltet ihr das denn nicht mehr aus? Wo bleibt eure Resilienz? Ihr seid doch die Berliner Festspiele!“
Und meinte damit ja nicht nur die Berliner Festspiele. Sondern eine ganze freiheitlich-demokratische Grundordnung.