Text | Gespräch | Musikfest Berlin 2026

Die Augen und der Wein

Alex Nante im Gespräch

Ein Mann mit schwarzen kurzen Haaren und einem schwarzen Hemd schaut freundlich in die Kamera.
Alex Nante
© Privat

Ein vorsichtiger Frühling in Berlin, ein sonniger Frühherbst in Buenos Aires: viele Zeit- und Klimazonen entfernt sitzt der Komponist Alex Nante in seinem Arbeitszimmer, um per Video über sein neuestes Orchesterwerk Ein feste Burg zu sprechen. Was das Werk zu einer Meditation über den gleichnamigen Bachchoral macht und welche Rolle die Spiritualität in seinem Leben und Schaffen einnimmt, erzählt Alex Nante im Gespräch mit Olivia Artner.

Verfügbar seit 26. Mai 2026

Lesezeit ca. 9 Min

Deutsch

Wortmarke Musikfest Berlin

Olivia Artner: Ihr Orchesterwerk Ein feste Burg basiert auf dem gleichnamigen Choralgesang von Johann Sebastian Bach BWV 302. Wie ist diese Idee entstanden?

Alex Nante: Kent Nagano hat mich gebeten, ein Werk auf der Basis dieses Bach-Chorals zu schreiben. In seinen Konzertprogrammen verfolgt er immer einen roten Faden, sozusagen ein Leitmotiv. Im Fall des Konzerts mit der Dresdner Philharmonie, für die ich das Werk 2025 komponierte, war das Mendelssohns 5. Sinfonie, die das Kirchenlied in seiner ursprünglichen lutheranischen Fassung im Finalsatz aufgreift. Kent wollte den Choral in einer von mir orchestrierten Fassung an den Anfang des Konzertes setzen und Mendelssohns Fünfte ans Ende. Mir gefiel die Idee sehr, denn ich liebe Bach, aber das Vorhaben stellte mich vor eine große Herausforderung: Es war wichtig, dass der Choral klar erkennbar bleibt und ich mich nicht zu weit von Bachs Stil entferne. Ich wollte mich aber nicht auf eine reine Instrumentierung beschränken. Im Verlauf des Stücks verfahre ich mit dem Choral auf verschiedenste Arten. Ich nehme etwa einzelne Stimmen heraus und komponiere neue Gegenstimmen dazu. Dabei habe ich mich sehr streng an den Stil Bachs gehalten, nur selten entgleiten die Stimmen dieser Stilistik: manchmal in die Richtung mittelalterlicher Musik, manchmal auch in Richtung meiner eigenen Musik, aber nur sehr subtil. Das Skelett des Chorals bildet im ganzen Stück die Basis der Musik.

Olivia Artner: Wenn Sie von der Entstehung dieses Werkes sprechen, erzählen Sie davon, dass das Komponieren eine meditative und asketische Arbeit war. Wie meinen Sie das?

Alex Nante: Der Choral ist extrem kurz. Ich habe versucht, immer und immer wieder zu diesen wenigen Notenzeilen zurückzukehren – das ist eine meditative Übung, fast wie eine Art Mantra. Ich mache das häufig in meiner Musik. Jedes Mal betrachte ich das Material aus einer anderen Perspektive und einem neuen Blickwinkel. Wenn man das gleiche Stück oder den gleichen Psalm periodisch – zum Beispiel jede Woche, wenn man in die Kirche geht – wiederholt, entdeckt man etwas Neues, obwohl die Musik immer dieselbe bleibt. Diese beobachtende Perspektive ist das, was mich daran so anzieht. Man könnte meinen, das hätte etwas Starres an sich, aber in Wahrheit ermöglicht das Zurückkehren zum immer Gleichen das Entdecken neuer Facetten – das Material eröffnet uns Zugang zu neuen Informationen. Das geschieht sehr subtil, es ist nicht rational. Dieser Aspekt der Askese, der Wiederholung, des Rituals – das ist wichtig in meiner Musik. Auch das Thema Religion ist mir wichtig. Das Wort Religion beinhaltet zwei Ideen: die Idee des Vereinens und die Idee des Wiederlesens, also des wiederholenden Lesens des immer gleichen Textes. Es ist kein oberflächliches, künstliches Lesen, sondern ein tiefgründiges Lesen, ein Lesen des Inneren.

Olivia Artner: Sind das Sakrale und die Spiritualität die Quelle Ihrer Kreativität?

Alex Nante: Absolut. Der Ursprung aller Kreation liegt im Mysterium. Meine Arbeit als Künstler ist also, mich diesem Mysterium, der Spiritualität, so treu wie möglich anzunähern. Das passiert völlig natürlich, fast automatisch. Es gab eine Zeit, in der ich meinen kreativen und meinen spirituellen Weg getrennt voneinander ging, aber heute habe ich das Gefühl, sie sind ein und derselbe. Das heißt nicht, dass meine Musik immer lutherianische Gesänge behandelt. Es ist eher dieselbe Energie, die beides durchfließt. Wir trennen heute sehr klar zwischen vitaler und spiritueller Energie, aber in Wahrheit sind das zwei Anteile einer Energie. In der Musik nenne ich das gerne „Die Augen und der Wein“ [Los ojos y el vino]. Die Augen repräsentieren die Musik des logos: meditativ, apollinisch, die Musik der Klarheit und des Friedens. Der Wein ist die Musik des Lebens, der Freude und des Überschwangs – diese ist mit dem Hier und Jetzt verbunden. Beide Elemente verbinde ich häufig in meiner Musik, sie dient als Versuch der Versöhnung und Vereinigung. Aber im Grunde haben beide dieselbe Herkunft.

Olivia Artner: Dieses Werk ist nicht ihr erstes, das sich mit Musik der Vergangenheit beschäftigt: Sie haben schon öfters mit Werken früherer Komponisten gearbeitet – etwa von Lili Boulanger oder Richard Strauss. Was fasziniert und inspiriert Sie an der Musik aus anderen Zeiten?

Alex Nante: Auch das ist für mich ein völlig natürlicher Vorgang: eine Verbindung zur Erinnerung herzustellen. Im Leben gibt es eine Kontinuität, daher war es für mich immer selbstverständlich, mit der Musik von Komponist*innen aus der Vergangenheit zu spielen. Für ein Stück habe ich mich zum Beispiel ganz in die Musik von Locatelli [ital. Violinist / Komponist des 18. Jahrhunderts] eingearbeitet. So ist ein Dialog mit Locatelli und seiner Musik entstanden. Ich habe seine Notenschrift genauestens studiert und mich auf die kleinsten Subtilitäten fokussiert – damit habe ich auch meine eigene Arbeit komplett überdacht. Das hat mich sehr fasziniert: so tief in die Sprache eines anderen, vergangenen Komponisten einzutauchen, dass ich meine eigene Arbeit neu entdecken kann. Seitdem ist die Beschäftigung mit alter Musik Teil meines Komponierens. Wenn man diese Reise in das Unterbewusstsein wagt, begegnet man unvermeidlich der Vergangenheit, der Geschichte und unseren Vorfahren. Die Idee der Tabula rasa habe ich deshalb nie verstanden – den Ansatz, aus dem Nichts eine neue Sprache zu erfinden. Das ist künstlich. Die echte Erfahrung des Kunstschaffens ist, wenn man in sein Inneres blickt und dort eine Vergangenheit findet, die greifbar ist: die lebendige Erinnerung. Da tauchen die unterschiedlichsten Dinge auf: mittelalterliche Melodien oder vielleicht ein Stück von Chopin. All das Gefundene hat uns etwas mitzuteilen, auch in der heutigen Zeit – das ist keine rein nostalgische Übung.

Olivia Artner: Sie sind selbst auch Gründer mehrerer musikalischer Projekte, darunter das Vokalensemble Terra Lucida, das sich mit spiritueller Musik beschäftigt. Hat die menschliche Stimme eine besondere Bedeutung für Sie als Komponist?

Alex Nante: Ja, sie gewinnt für mich immer mehr an Bedeutung. Ich begreife heute, dass sie die Basis aller Musik ist – selbst der Musik für Orchester. Ich mag es sehr, wenn Instrumente singen. Das klingt banal, aber in der zeitgenössischen Musik wird die Melodie oft stark fragmentiert. Mich fasziniert jedoch der Melos. Ich versuche immer, die richtige Phrasierung zu finden. Dafür habe ich auch mit dem Studium des Dhrupad angefangen. Der Dhrupad ist ein Gesangsstil aus Indien, wahrscheinlich ist es die älteste musikalische Form, die überlebt hat. Mit meinem Meister erforsche ich das Singen und die Meditation mittels der Stimme, das beeinflusst mein Komponieren sehr. Genauso wie die Arbeit, die wir mit Terra Lucida machen. Wir treffen uns wöchentlich und schaffen einen Raum der Meditation. Wir sind Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen und singen gemeinsam Gesänge aus verschiedenen spirituellen Traditionen. So schaffen wir mit der Stimme einen Ort des interkulturellen und interreligiösen Dialogs.

Olivia Artner: Denken Sie, dass Transzendenz und Spiritualität, die ja in jeder uns bekannten Kultur eine wichtige Rolle spielen, uns als Menschheit einen können? Ist dies eine Ebene der Begegnung?

Alex Nante: Ich glaube, es ist das Einzige, das uns vereinen kann. Wenn man sieht und versteht, dass im Gegenüber etwas Heiliges und Unvergängliches steckt, etwas, das nie stirbt und das göttlich ist, dann respektiert man diese Person aus dem tiefsten Inneren. Deshalb denke ich, dass die Spiritualität die Grundlage jeder Gesellschaft ist.


Olivia Artner studierte Komposition, Mandoline und Musikwissenschaft in Saarbrücken. Sie lebt in Berlin, arbeitet als freie Autorin unter anderem für Deutschlandfunk Kultur und ist als Komponistin und Musikerin tätig.