Text | Gespräch | Musikfest Berlin 2026

Gehörsand

Márton Illés und Felix Reinhuber im Gespräch

Ein Mann im weißen Hemd schaut direkt in die Kamera, er lehnt seine Arme überkreuzt auf eine weiße Stuhllehne, der Hintergrund ist hell.
Márton Illés
© Marco Borggreve

Márton Illés’ neues Werk für Stimmen, Ensemble und Live-Elektronik hat es in sich: Als Auftrag von Ensemble Modern, Neue Vocalsolisten Stuttgart, SWR Experimentalstudio und Berliner Festspiele / Musikfest Berlin bündelt von mund zu mund hybride Klang-Kräfte zu einer vielschichtigen Vokalkomposition. Zusammen mit dem Dichter Felix Reinhuber hat Illés sich nichts Geringerem als der Sprachentwicklung des Menschen verschrieben. Noch im Entstehungsprozess des Werkes sprach Dirk Wieschollek im April 2026 mit Komponist und Dichter über den aktuellen Stand des Projekts.

Verfügbar seit 16. Juni 2026

Lesezeit ca. 9 Min

Deutsch

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Dirk Wieschollek: Márton Illés und Felix Reinhuber – wie sind Sie aufeinander aufmerksam geworden?

Márton Illés: Wir haben uns 2020 in Paris als Stipendiaten an der Cité des Arts kennengelernt. Felix hat mir einige seiner Gedichte gezeigt, und ich war sofort fasziniert: Seine Sprache ist sehr dicht, sehr abstrakt, sehr bunt. Ich habe dann eine erste Annäherung versucht mit Drei Lieder nach Gedichten von Felix Reinhuber für Mezzosopran und Klavier (2022). Da habe ich gemerkt, dass ich mit diesen Texten kompositorisch sehr gut umgehen kann. Bei dem neuen Werk kann man jetzt von einer ersten wirklichen Zusammenarbeit sprechen.

Dirk Wieschollek: Eine Kooperation, in der beide Sphären unmittelbar aufeinander reagieren?

Márton Illés: Jein. Der Text von Felix ist ja prinzipiell fertig. Ich versuche nur vorsichtig Änderungen anzuregen, wenn es mir kompositorisch sinnvoll erscheint.

Felix Reinhuber: Für mich ist das ein Lernprozess und die erste große Kooperation mit einem Komponisten der Neuen Musik.

Dirk Wieschollek: Wird der Text als eine Art Material-Reservoir für die Komposition aufgefasst oder als Ganzes musikalisiert?

Márton Illés: Ich möchte die Dichtung nicht als Steinbruch behandeln. Dazu ist die literarische Vorlage von Felix inhaltlich viel zu konsistent. Mir war aber wichtig, keinen klassischen Libretto-Text zu bekommen. Ich wollte echte, autonome Poesie, die unabhängig von Musik existiert. Dennoch habe ich die Möglichkeit, mit diesen Texten relativ frei umzugehen. Das ist ein dialogischer Prozess.

Felix Reinhuber: Die Themenauswahl hatte aber durchaus etwas mit meiner Rezeption deiner Musik zu tun. Du hattest mir damals die Psychogramme empfohlen. Darin steckt ja auch diese starke Körperlichkeit. Ursprünglich sollte es mehr um das Gehirn gehen, aber das schien mir letztlich zu abstrakt. Ich wollte mehr Narration. Und so kam es zu der Entscheidung, mehr die Sprachevolution in den Blick zu nehmen. Auch weil ich gemerkt habe, dass da ganz viel Körperlichkeit drinsteckt. Die ganze Anatomie des Menschen ist ja die Voraussetzung, dass wir überhaupt sprechen können. 

Person in schwarzem Hemd vor heller Steinmauer.
Felix Reinhuber
© Kyoko Kasuya

Dirk Wieschollek: Sie haben in Bezug auf den Text von „poetischer Fiktion“ gesprochen, gespeist von wissenschaftlicher Faktizität.

Felix Reinhuber: Ja. Es war nicht nur ein Navigieren zwischen Lyrik und narrativem Text als Grundlage der Musik, sondern auch ein Navigieren zwischen dichterischer Freiheit und Wissenschaft. Ich wollte, dass dieser Text von den zeitgenössischen Erkenntnissen über Sprachentwicklung gesättigt ist. Es ist ein Wissensfeld, in dem noch viel spekuliert wird und zahlreiche Theorien nebeneinander bestehen. Ich habe mich dabei nicht auf die Seite einer bestimmten Theorie gestellt, sondern eher einen Cluster von Theorien umgesetzt.

Dirk Wieschollek: Es ist ein ausgesprochen klangintensiver Text – nicht nur, was die vielen vorsprachlichen Lautäußerungen betrifft. Der Text ist voller Begrifflichkeiten, die selbst schon auf Klangliches verweisen: Worte wie „schnalzen“, „klacken“, „prasselrascheln“ etc. Ist es leichter oder eher schwerer, darauf musikalisch zu reagieren?

Márton Illés: Mein Lieblingswort im ersten Prolog ist „Gehörsand“. Da entsteht sofort etwas bei mir ...  

Dirk Wieschollek: Der Prolog liest sich fast wie die anatomische Entstehung des Hörens: „Muschelrauschen“, „Hörschnecke“, „Gehörsand“ – es wird interessant sein, wie dieser Anfang musikalisch in Szene gesetzt wird.

Márton Illés: Die Anfangsprologe werden tatsächlich ohne Musik für sich selbst stehen.

Dirk Wieschollek: Wie sind Sie generell kompositorisch mit dem Stoff umgegangen, ohne ihn im klassischen Sinne zu „vertonen“?

Márton Illés: Das ist eine Frage, die ich mir immer wieder neu stelle. Ich lasse die Musik parallel zur Sprache laufen, aber nicht immer synchron. Das Klacken beispielsweise ist auch in der Musik da, aber nicht immer dort, wo es geäußert wird. Es gibt aber Interferenzen. Musik kann Lautmalerisches auf einer potenzierten Ebene leisten, sie kann es hundertfach in den Raum multiplizieren: hinter, vor, über und um den Text herum.

Dirk Wieschollek: Da die Neuen Vocalsolisten Stuttgart beteiligt sind, ist nicht davon auszugehen, dass im klassischen Sinne gesungen wird, oder?

Márton Illés: Gesungen wird auch, aber relativ wenig. Es wird allerdings eine ganze Bandbreite an Vokaltechniken geben. Es wird erzählt, insgesamt viel gesprochen, wobei ich die Prosodie der Sprache unterschiedlich auskomponiere. Gleichzeitig kommen diese Urmenschenlaute ins Spiel. Darüber hinaus werden sowohl die Vokal- als auch die Instrumentalklänge elektronisch verfremdet.

Dirk Wieschollek: Es läuft also auf eine Gleichzeitigkeit der Wahrnehmungsebenen hinaus?

Márton Illés: Definitiv. 

Ein Mann im schwarzen Pullover lehnt den Kopf auf seine Hände und schaut nach links. Vor ihm steht eine gefüllte Wasserkaraffe.
Márton Illés
© Marco Borggreve

Dirk Wieschollek: Die literarische Vorlage stellt eine Evolution menschlicher Wahrnehmungsperspektiven dar. Die Sprache wird dabei von Kapitel zu Kapitel differenzierter und vielschichtiger. Wird analog dazu auch die Musik immer komplexer?

Márton Illés: Zunächst ist alles noch diffus, die Urmenschen nehmen sich anfänglich noch nicht als Teile einer Gemeinschaft war. Zu Beginn artikulieren sich nur Laute einzelner Individuen, dann Worte, Sätze. Später wird immer mehr gebündelt. Gruppeninteraktionen wachsen und es wird stärker dialogisch, auch in der Musik.

Felix Reinhuber: Im vierten Kapitel wird auch eine Liebesgeschichte angedeutet. Da kommt es zum zwischenmenschlichsten Dialog, den es vielleicht gibt. Grundsätzlich wollte ich Sprache als kollektives Phänomen zeigen, als etwas, das in der Gruppe entsteht.

Márton Illés: Und das ist jetzt die große Aufgabe für mich, diesen Prozess auch kompositorisch darzustellen.

Dirk Wieschollek: Wie ist das Verhältnis der vokalen Ebene zum Instrumentalgeschehen? Verschmilzt das zu einem großen Klangkörper oder ist es eher kontrastiv gedacht?

Márton Illés: Eine Verschmelzung wird auf jeden Fall angestrebt. Durch die Elektronik kann ich mit den Stimmen sehr viel Instrumentales machen – und umgekehrt aus den Instrumenten sehr viel Vokales entwickeln. Vieles bleibt dabei bewusst uneindeutig. Die klassische Trennung von instrumental und vokal greift nicht mehr.  

Dirk Wieschollek: Das klingt nach Raumkomposition.

Márton Illés: Absolut.

Dirk Wieschollek: Wie ist die Hörperspektive angelegt?

Márton Illés: Es wird einen Surround-Klang geben. Die Stimmen sind in der Philharmonie Berlin im gesamten Raum verteilt. Und auch das Ensemble Modern hat lokale Lautsprecher. Das heißt, wir werden volle Raumklänge, aber auch einzelne lokale Klänge haben im Sinne der Abbildung spezifischer Artikulationen. Die Hörenden befinden sich praktisch mitten im Geschehen.

Dirk Wieschollek: Das Ganze endet mit einem Ausblick ins Jahr 2100, in ein vorläufiges Ende der Kulturentwicklung des Menschen. Im sechsten Kapitel sind wir in den Wahrnehmungsmodi der virtuellen Realität angelangt. Da gibt es den Begriff des Synthus, des Synthus-Subjektes. Was ist damit gemeint?

Felix Reinhuber: Das ist eine Wortneuschöpfung. Ich habe nach etwas gesucht, das das Futuristische ausdrücken kann und gleichzeitig bereits semantisch aufgeladen ist. Mit Synthus assoziiert man eine gewisse Synergie oder Synthese, also dass da etwas zusammengeführt wird. 

Dirk Wieschollek: Eine Apotheose des Virtuellen? Die Möglichkeit, in jede Existenzform hineinzugehen, jede Wahrnehmungsform zu assimilieren mithilfe dieses imaginären Programms? Innen- und Außenperspektive sind im letzten Kapitel jedenfalls nicht mehr unterscheidbar.

Felix Reinhuber: Diese Dominanz des Virtuellen angesichts unserer Lebensumstände drängt sich natürlich auf. In gewisser Weise ist es für mich auch die Apotheose von Sprache und deren gleichzeitiger Auslöschung. Sprache ist für uns Menschen ja dazu da, dass wir uns näherkommen, dass Individuen sich austauschen können. Eine der Utopien bzw. Dystopien, die durch ChatGPT und ähnliche Modelle ausgelöst werden, ist, dass man irgendwann die gesprochene Sprache vielleicht nicht mehr braucht, weil diese Sprachmodelle, die wir gerade entwickeln, so fortgeschritten sein werden, dass wir quasi telepathisch, also direkt von Gehirn zu Gehirn, ohne den „Umweg“ über den Mund kommunizieren.

Dirk Wieschollek: Eine schreckliche Vorstellung allerdings, Menschen ohne Sprache. Das letzte Wort des Textes lautet „Stille“. Wie ist die gemeint am Ende – ist das eine positive oder eine negative Stille?

Felix Reinhuber: Darüber haben Márton und ich viel gesprochen. Wir haben uns im Vorfeld über Zukunftsvisionen ausgetauscht. Ich wollte das Ende ambivalent halten, keine komplette Dystopie. Und Stille ist eben auch ein ambivalentes Phänomen. Stille kann ein Ideal sein. Für mich evoziert die Stille am Ende des Werkes auch eine Art Pantheismus, etwas Göttliches. Also den ewigen Traum des Menschen, sich zu übersteigern und wirklich aufzugehen in einer anderen, höheren Perspektive. Aber diese Vision hat auch immer etwas Gruseliges. Gruselig, weil es eben nicht mehr menschlich ist. Ich will aber nicht, dass eine bestimmte Interpretation sich aufdrängt, sondern das Ganze in der Schwebe bleibt – als ein ästhetisch offener Raum.