Text | Rede | Treffen junge Szene 2026

Eröffnungsrede Matthias Pees

Theatertreffeen der Jugend 2026

von Matthias Pees, Intendant Berliner Festspiele

Person am Rednerpult mit Mikrofonen liest, dunkler Hintergrund
Matthias Pees, Intendant der Berliner Festspiele
© Berliner Festspiele / Treffen junge Szene
Zum Auftakt des Theatertreffen der Jugend 2026 begrüßte der Intendant der Berliner Festspiele Matthias Pees im Haus der Berliner Festspiele.

Rede vom 30. Mai 2026

Verfügbar seit 4. Juni 2026

Lesezeit ca. 10 Min

Deutsch

Wortmarke Theatertreffen der Jugend

Liebes Publikum, liebe Mitwirkende, liebe Gäste, lieber Markus Braig vom Bildungsministerium,

guten Abend. Ich bin Matthias Pees und Intendant der Berliner Festspiele. Ich halte hier immer die Eröffnungsreden und begrüße Sie und Euch alle ganz herzlich zur Eröffnung des diesjährigen Theatertreffens der Jugend in Berlin, im Haus der Berliner Festspiele.

Die Berliner Festspiele sind eine Kulturinstitution, die seit 75 Jahren in dieser Stadt und über sie hinaus große und vielfältige Festivals, Konzerte und Ausstellungen veranstaltet. Hier, in unserem Festspielhaus, im Gropius Bau, unserem Ausstellungshaus, in der Berliner Philharmonie und an vielen weiteren Orten in der ganzen Stadt.

Zu diesen Programmen zählten zum Beispiel die Berlinale und die Berliner Festwochen, und heute organisieren wir jedes Jahr allein drei verschiedene Musikfestivals, das Theatertreffen mit den zehn bemerkenswertesten Inszenierungen aus dem deutschsprachigen Raum, eine Performing Arts Season für herausragende internationale Tanz- und Theateraufführungen, ein Debattenfestival und vieles mehr.

Und vier Treffen junge Szene: das Theatertreffen der Jugend im Frühjahr sowie das Tanztreffen der Jugend, das Treffen junger Autor*innen und das Treffen junge Musikszene im Herbst.

Bei uns arbeiten über 150 Menschen in den verschiedenen kuratorischen, organisatorischen, kommunikativen, administrativen und technischen Bereichen, und viele von ihnen haben ihr Leben lang im Theater, in der Kunst, in der Musik oder im Literaturbereich verbracht.

Manche haben schon in Eurem Alter auf die eine oder andere Art damit angefangen. Haben Feuer gefangen, wenn man so will. Oder wurden „eingefangen“, und es hat sie nicht wieder losgelassen, wie man so schön sagt.

Nicht, weil sie so weltfremd wären, dass sie es in „wirklichen“ Berufen, in der sogenannten „Wirklichkeit“, nicht ausgehalten oder es woanders nicht geschafft hätten.

Nicht, weil sie der Welt, unserer aller Alltag, unseren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen und politischen Konflikten entfliehen wollten, weil sie sich für was Besseres oder Edleres oder Erhabeneres oder Schöneres oder Sensibleres gehalten hätten als der Rest. Sondern weil sie das Gefühl hatten, oder vielleicht sogar das eine oder andere Erlebnis, dass die Kunst ein Ort ist für die Welt, in der Welt, mit der Welt. Ein Ort der Verwandlung. Der Verwandlung von Utopie in Möglichkeit und Versuch, von Wirklichkeit in andere Wirklichkeit.

Anders ist möglich. Und Kunst kann dafür ein Modellversuch sein. Künstler*innen versuchen das. Verwandlungskünstler*innen der Wirklichkeit.

Ich habe selbst in meiner Schulzeit mit dem Theaterspielen angefangen. In der siebten Klasse, an einem Gymnasium, in dem es eine Theatergruppe nur für die Oberstufe gab. Mehr Stunden Zeit hatte der Deutschlehrer, der den Theaterkurs leitete, nicht oder durfte er nicht aufwenden, und wir mussten uns erstmal selbst um eine Leiterin für unsere selbst initiierte Theater AG bemühen. Sie kam vom städtischen Konservatorium, war eine echte Theaterregisseurin und betätigte sich ansonsten, wenn sie nicht an Stadttheatern inszenierte, lieber in Haupt- und Sonderschulen.

Wir erarbeiteten zuerst ein Stückprojekt über einen Mitschüler, der Selbstmord begangen hatte, ich spielte darin einen geheimnisvollen „Anderen“, seinen imaginierten besten Freund.

Und dann machten wir ein zweites Stück – über das Westdeutschland, in dem wir aufwuchsen inmitten einer sogenannten „geistig-moralischen Wende“, „eine deutsche Revue“, sie hieß Schade eigentlich.

Und dann entwickelten wir noch ein drittes Stück, das wir nie aufführten, obwohl die Plakate schon entworfen waren, über unser Zusammenleben nach dem Tod, ein bisschen wie bei Sartres Geschlossener Gesellschaft, nur mit Hölderlin, der Titel war Nicht ist es aber die Zeit.

Wir blieben über sieben Jahre lang in unserer Theater-AG zusammen, auch noch ein Jahr nach meinem Abitur, und noch länger befreundet.

Zum Theatertreffen der Jugend in Berlin haben wir es, anders als Ihr, nie geschafft, obwohl wir uns mehrfach bewarben, aber leider erfolglos. Umso mehr gratuliere ich Euch zu dieser Einladung, Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, was mir die damals bedeutet hätte.

Aber dann bin ich Theaterkritiker geworden, dann Theaterdramaturg, dann Festivaldramaturg, dann Theaterproduzent im Ausland, in Südamerika, in Brasilien, dann wurde ich Intendant, erst in einem freien Produktionshaus und jetzt hier, bei den Berliner Festspielen, den Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin, meine Fresse.

Aber ich bin sicher: Ohne die Theater-AG an meiner Schule, ohne die Leiterin dieser AG, die Theaterregisseurin Gabriele Mugdan, stünde ich nicht hier.

Und so wie mir geht es auf die eine oder andere Art manchen, vielleicht vielen hier bei uns, bei den Berliner Festspielen, in den Theatern, Konzert- und Kunsthäusern dieser Stadt, aller Städte. Welcome to the Club. Welcome to the World.

Als ich 18 wurde, schenkte mir Gabriele Mugdan eine Schreibmaschinenseite mit einem darauf getippten Text. Von Friedrich Nietzsche. Den lese ich jetzt noch kurz vor:

„Wer nur einigermaßen zur Freiheit der Vernunft gekommen ist, kann sich auf Erden nicht anders fühlen denn als Wanderer – wenn auch nicht als Reisender nach einem letzten Ziele: denn dieses gibt es nicht. Wohl aber will er zusehen und die Augen dafür offen haben, was alles in der Welt eigentlich vorgeht; deshalb darf er sein Herz nicht allzufest an alles Einzelne anhängen; es muss in ihm selbst etwas Wanderndes sein, das seine Freude an dem Wechsel und der Vergänglichkeit habe.

Freilich werden einem solchen Menschen böse Nächte kommen, wo er müde ist und das Tor der Stadt, welche ihm Rast bieten sollte, verschlossen findet; vielleicht, dass noch dazu wie im Orient, die Wüste bis an das Tor reicht, dass die Raubtiere bald ferner, bald näher herheulen, dass ein starker Wind sich erhebt, dass Räuber ihm seine Zugtiere wegführen.

Dann sinkt wohl für ihn die schreckliche Nacht wie eine zweite Wüste auf die Wüste, und sein Herz wird des Wanderns müde.

Geht ihm dann die Morgensonne auf, glühend wie eine Gottheit des Zorns, öffnet sich die Stadt, so sieht er in den Gesichtern der hier Hausenden vielleicht noch mehr Wüste, Schmutz, Trug, Unsicherheit als vor den Toren – und der Tag ist fast schlimmer als die Nacht.

So mag es wohl einmal dem Wanderer ergehen; aber dann kommen, als Entgelt, die wonnevollen Morgen anderer Gegenden und Tage, wo er schon im Grauen des Lichtes die Musenschwärme im Nebel des Gebirges nahe an sich vorübertanzen sieht, wo ihm nachher, wenn er still, in dem Gleichmaß der Vormittagsseele, unter Bäumen sich ergeht, aus deren Wipfel und Laubverstecken heraus lauter gute und helle Dinge zugeworfen werden, die Geschenke aller jener freien Geister, die in Berg, Wald und Einsamkeit zuhause sind und welche, gleich ihm, in ihrer bald fröhlichen bald nachdenklichen Weise, Wanderer und Philosophen sind.

Geborgen aus den Geheimnissen der Frühe, sinnen sie darüber nach, wie der Tag zwischen dem zehnten und zwölften Glockenschlage ein so reines, durchleuchtetes, verklärt-heiteres Gesicht haben könne – sie sehen die Philosophie des Vormittages.“